„Echt gut, überzeugend, authentisch“

Junge Menschen machen bei „Sex, Drugs & Shakespeare“ Selbsterfahrungen im Kirchentheater


Szenen in der Jugendkirche


Hannover. „Richtig gut“, so lautet das Urteil der Schulklassen, die kürzlich das Theater-Projekt des Ensembles der Jugendkirche „Sex, Drugs & Shakespear“ miterlebt hatten.


Blaues kaltes Licht. Gespannte Ruhe im Publikum. Lady Macbeth, die Böse, im langen schwarzen Spitzenkleid, schulterfrei, die Augen dunkel geschminkt, initiiert die Intrige. Sie poliert den blitzenden Dolch, emotional voll in ihrer Rolle. Erst hartherzig und ohne Scham zerbricht sie schließlich an ihrem Gewissen. Die Hände kann sie nicht mehr von dem Mord rein waschen – jeder wahnsinnige Versuch in der Schüssel bleibt sinnlos.


„Wasser, frisches Wasser“, kreischt die Machtgierige. Musik der Band „Schneewittchen“ begleitet die irre Lady, die immer wieder neue Blutspritzer entdeckt. Lärm. Hysterisch und ungehemmt schreit die Laienschauspielerin Silke Schikora aus der Seele. Eine Glanzleistung. „Ich wollte eine abgründige Rolle übernehmen, gefühlvoll, zerstörerisch und energetisch“, erklärt Schikora, „in der Rolle konnte ich meinen Schmerz verarbeiten und einfach herausschreien.“ Spielleiterin und Kulturpädagogin Steffi Krapf ist zufrieden. „Genau das will ich, das ist authentisch und hilft weiter. Wir haben das Stück deshalb gemeinsam aus der Improvisation heraus entwickelt.“


Krapf berichtet, wie sie zuerst Übersetzungen von Shakespearetexten gelesen hätten. Der Rest sei ein Gruppenprozess gewesen. „Es ist eine Suche nach sich selbst in der Gruppe, jeder Einzelne hat entschieden, welches Thema er beackern will“. Szenen entstanden frei inszeniert nach „Romeo und Julia“, „Hamlet“, „Macbeth“ und „Ein Sommernachtstraum“. Herausgekommen ist schließlich ein selbstbewusstes Stück, in dem es um Liebe geht, um die Abwesenheit von Liebe und darum, was dieses Gefühl aus und mit Menschen macht.


Eigentlich seien die Proben das Entscheidende, sagt Marie Rehme, die sich gerade in der Garderobe hinter dem Altar in Ophelia verwandelt. Tief beeindruckt ist die Studentin von der „krassen Entwicklung“ der Gruppe, „inspirierend und intim zugleich“. Die Aufführungen sind mehr das „Bonbon“. Spielleiterin Krapf ergänzt: „Durch den Prozess sind wir so stark und glaubwürdig – das Stück hat mit den Jugendlichen selbst zu tun“.
Mit seinen 27 Jahren der Älteste im Ensemble ist der zur Zeit arbeitslose Tobias Kaul, alias Romeo und Hamlet. „Da gab es viele Momente, wo ich emotional ergriffen war. In einer Szene sagt Ophelia mehrfach zu mir: „Ich liebe dich.“ Aber ich verachte und verstoße sie. So gemein würde ich privat nicht einmal denken.“ Auch bei der nächsten Produktion will er wieder dabei sein. Am 21.1.2008 formiert sich, wie zu jeder Probenphase eine neue Gruppe. Interessierte willkommen.

Premiere auf der Kirchenbühne hatte dieses Mal die 17-jährige Schülerin Jil Alina Wolf. Ihre Gefühle hätten Raum bekommen, sagt sie und spielt die aussichtslos verliebte Julia. „Als Julia stirbt habe ich einmal fast geheult. Das war so ein Moment, in dem ich Ängste um meine Familie gespürt habe: geliebte Menschen könnten sterben.“
Wunderbar dargestellt ist auch die Szene, in der Julia ihrem angebeteten Romeo begegnet. Nach einem Bandenkrieg taucht er auf einer feindlichen Party auf. Ganz gefühlvoll pusten beide in einer orange roten Stimmung Seifenblasen aufeinander zu, die den Augenblick verzaubern, dann aber zerplatzen wie ihre Hoffnung. „Oh süß“, rufen zwei Schülerinnen neben mir entzückt. Als zwei Männer wegen spezieller Augentropfen zu rasenden Liebhabern werden, ist ihr gespanntes „Oh Gott, ich will gar nicht wissen was dort passiert“ zu hören.

Das grande Finale mündet furios in Selbsttötung, Mord und Unfall. Zwei Halbstarke von der IGS Linden langweilte das eher, ihnen war das Stück mit seinen gut zwei Stunden zu lang und der rote Faden erschloss sich nicht ganz - ansonsten aber „lustig“. Auch gelacht hat Katharina von der Hannah Arendt Schule. Sie lobte besonders, wie noch viele der Schüler und Schülerinnen im Publikum, die schauspielerischen Leistungen: „Echt gut, überzeugend, authentisch.“

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