"Wir waren nie in der Schule" - Das Leben der Roma in Mazedonien

Der Ohrid-See in Mazedonien ist der älteste See Europas. Das traumhaft schöne Gewässer sowie der Nationalpark ringsum gehören zum UNESCO Weltkulturerbe. Für viele ist diese malerische Region ein beliebtes Urlaubsziel. An den felsigen Uferteilen des Sees verbergen sich Höhlenfresken und Felskirchen, die teilweise über tausend Jahre alt sind. Zu den kulinarischen Delikatessen Mazedoniens zählt eine schmackhafte Forellenart. Zwei dieser Ohrid-See-Forellen im Restaurant serviert kosten genauso viel wie eine Roma-Familie mit sechs Kindern im Monat an Sozialhilfe bekommt.

Bedrin Samanta

„Wir können nicht schreiben, wir waren nie in der Schule“, sagen die beiden Roma-Mädchen kopfschüttelnd, als ich sie auffordere, ihren Namen zu Papier zu bringen. Samanta ist dreizehn Jahre alt, Bedrin siebzehn. Sie laufen durch die Fußgängerzone von Skopje oder sitzen auf auseinandergefalteten Pappkartons auf der berühmter Steinbrücke über die Vardar. Sie halten die Hand auf und fragen nach Geld. „An guten Tagen bekomme ich bis zu 800,- Denar“, erzählt Samanta mit gesengtem Blick. 13 Euro sind das. „Ich bin damit groß geworden, schon als Baby hat mich meine Mutter mitgenommen“, sagt sie. An jeder größeren Kreuzung in Skopje stehen Mütter - teils mit ihren Neugeborenen im Tuch - den ganzen Tag in den Autoabgasen und fragen nach Geld. „Jetzt ist allerdings alles anders.“ Samantas Augen starren ins Nichts. „Meine Mutter ist vor vier Tagen gestorben, ich weiß nicht warum, sie war die ganze Zeit in einem Krankenhaus“, sagt sie. Ihren Vater habe sie nie kennengelernt. „Ich lebe mit meinen fünf Schwestern und einem Bruder in einem Zelt. Aber wenn wir Geld bekommen, bauen wir uns ein Haus.“ Träume. Auf ihrer bunten Kleidung sind die Dreckflecken nicht zu übersehen. Ihr größter Traum aber ist es, Polizistin zu sein.
„Das Papier sammeln gehört in Skopje den Roma“, erklärt Bedrin. „Mein Vater hat einen Wagen mit Pferd, damit transportiert er das Altpapier und fährt alte Leute, die das Papier nicht mehr selbst tragen können, zur Annahmestelle.“ Roma-Männer und -Kinder fischen das Altpapier aus den Mülltonnen. Ihre tägliche Arbeit, eine andere gibt es kaum. Bedrins Familie wohnt in einem Haus mit zwei Räumen in Sutka. Die meisten Roma leben in diesem 7. Stadtbezirk von Skopje. Die Teenagerin findet mein Fahrrad äußerst interessant, „leihst du es mir, ich drehe nur ein paar Runden“.

Mazedonische Roma und Kosovo-Roma

Erst vor zwei Wochen hätten Albaner versucht, seinen Sohn zu entführen, berichtet Gasryani Muharem. Er gehört zu den 1200 Roma, die aus dem Kosovo nach Skopje geflüchtet sind. „Zuerst attackierten die Kosovo-Albaner die Serben und dann uns Roma“, sagt Muharem. „Wir kämpfen um unsere Anerkennung als Flüchtlinge, bisher haben wir nur einen sogenannten humanitären Status, werden also momentan geduldet“, erklärt der Kosovo-Roma. „Etwas Geld bekommen wir vom UNHCR, knapp 50 Euro pro erwachsene Person, aber wir haben nichts, all unsere Möbel mussten wir zurücklassen“, sagt der stämmige Mann. Zur Zeit lebt die Familie Muharem in einem Zweizimmerhaus bei Bekannten. Die Wände sind so feucht, dass die Tapeten sich wellen. Die rot gemusterten Teppiche auf dem Fußboden sind ebenfalls klamm. In der Ecke des muffigen Zimmers ist ein Stapel mit weißen Kissen und bunten Decken, abends wird der Raum zum Matratzenlager umgebaut. „In diesem Haus geht es uns relativ gut, viele leben in Kellern oder Garagen“, erzählt Muharem. Die Kosovo-Roma haben ein Flüchtlingskomitee gebildet und letztes Jahr ein dreimonatiges Grenzcamp an der griechischen Grenze veranstaltet.

Klanica

Klanica, die Stadt in der Stadt

An einer Hausecke hocken zwei Frauen auf dem Boden. Beide tragen lange Röcke, die eine einem tiegerfellgemusterten Pulli und goldene Ohrringe; die andere trägt eine gelbes T-Shirt, ihr fehlen beide Schneidezähne. „Ich bin verheiratet und habe sechs Kinder“, erzählt Evdokia. Zwischen ihren Augenbrauen hat sie einen tätowierten Punkt. „Das Leben ist hart hier“, fährt die 31-jährige Mutter fort. Sie bekommt 2000,- Denar Sozialhilfe,das sind rund 33 Euro. „Ohne das Geld, was die Kinder nach Hause bringen, geht es nicht“, sagt Evdokia. Auf die Frage, warum sie nicht zumindest einige ihrer Kinder zur Schule schickt, antwortet sie: „In den staatlichen Schulen heißt es, Roma-Kinder seien dreckig und zu alt. Es werden nur wenige aufgenommen.“ Offiziell steht dem Schulbesuch nichts entgegen, mazedonische Roma sind normale Staatsbürger. In dem Zimmer der Familie steht ein Regal, ein Kocher und in der Mitte ein Tisch mit bunt geblümter Plastikdecke. In einer Ecke des Raums ist der hohe Stapel mit Kissen, Decken und Teppichen für die Nacht. Evdokias größter Wunsch ist es, „in Ruhe zu schlafen, Frieden und genug zu Essen“.

Gegen das verheiraten von Minderjährigen

„Wir versuchen junge Roma-Frauen darin zu bestärken, erst mit 18 Jahren eine Ehe einzugehen“, erklärt Nadire Selman, Präsidentin der Frauenorganisation „ESMA“. „Die alten Traditionen leben noch, der Vater sucht den Bräutigam aus, die Mutter kann nur subtil einwirken und das Mädchen, natürlich muss sie noch Jungfrau sein, zieht dann zu der Familie des Mannes.“ erläutert Selman. Sie sitzt aufmerksam, mit Jeans und blauem T-Shirt bekleidet, in ihrem Büro in Sutkar. Für den Mann ändere sich wenig nach der Hochzeit, weiß Selman, „aber die junge Frau, manchmal erst zwölf oder dreizehn Jahre alt, muss fortan das Haus hüten und möglichst viele Kinder gebären, für sie ist dann ein Diskobesuch unmöglich“. „ESMA“ bietet Alphabetisierungskurse, Notrufnummern und Beratungen zu Gesundheitsfragen. „Das größte Problem ist immer noch die Armut“, betont Nadire Selman, „gefolgt von dem Mangel an gesellschaftlicher Integration“. „Es muss Förderprogramme für Roma von der Regierung geben, Nichtregierungsorganisationen können das alleine nicht leisten“, fordert die „ESMA“-Präsidentin, „und wir bräuchten eine echte Vertretung der Minderheiten in der Regierung, keine Scheinrepräsentationen“.

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