Einsatz in Walikale
„Ärzte ohne Grenzen“ kennen keine Schlagbäume. Sie helfen überall. Logistiker Michael Rogalli gehört dazu. Der Helfer und seine Arbeit im Kongo
Text: Meike Kloiber

„Da gibt es keine Straße hin, das ist mitten im Dschungel.“ Michael Rogalli spricht von einem kleinen Ort in der Demokratischen Republik Kongo: Walikale. Früher war es eine Kleinstadt. Heute sind die meisten der ehemals rund 10.000 Einwohner in die Bezirkshauptstadt Goma gegangen oder versuchen in der Dschungelwildnis zu überleben. Denn im Kongo herrscht Krieg. Seit über sechs Jahren. 2004 hatte sich die Lage soweit stabilisiert, dass „Ärzte ohne Grenzen“ ein Team los schickte. Walikale wurde zum Vorposten einer groß angelegten Hilfsaktion. Rogalli war als Logistiker dabei.

Über 100.000 Menschen sollten versorgt werden – mit Nahrung und Medizin. Zuerst musste das Krankenhaus, noch von den Belgiern zur Kolonialzeit gebaut, renoviert werden. „Alles war total verdreckt, es gab im Ort keinen Strom, kaum fließendes Wasser und die ehemaligen Toiletten konnten nur noch verriegelt und abgerissen werden“, erzählt Rogalli. Er stellte rund 70 Tagelöhner ein. „Die Einen kratzten, schrubbten und putzten, die Anderen bauten neu - es wurde viel improvisiert.“ Der 31Jährige ist in seinem Element. „Wir haben die Ziegel für den Hausbau selber gebrannt und die Bretter für Türen und Fenster wurden in Handarbeit aus den Urwaldbäumen gesägt.“ Koordinieren und organisieren ist Rogallis Aufgabe. „Wir haben Latrinen, Sickergruben und einen Wasserturm gebaut aber uns auch um die Müllentsorgung gekümmert.“ Der Workaholic stöhnt lediglich über die Temperaturen. „Es war wie in der Sauna, 35 Grad Celsius mit einer Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent – selbst meine Lederschuhe fingen innerhalb einer Woche an zu schimmeln.“

Die Idylle im Busch trügt:
Walikale liegt mitten im Bürgerkriegsgebiet
.

Endlich Strom im Büro und im Krankenhaus
„Vieles musste eingeflogen werden“, sagt der Logistiker. Es gäbe zwar eine Teerstraße aber leider fehlten die letzten 150 Kinometer nach Goma. „Das gerade Stück ist jetzt unsere Start- und Landebahn im zugewachsenen Dschungel.“ Michael Rogalli lächelt bei der Erinnerung an seine Ankunft. „Das war spannend, von oben war alles grün und dann sieht man diese Straße und denkt sich, oh Gott, da kann man doch nicht landen - aber es geht“. Zweimal pro Woche brachte der Flieger Nahrungsmittel, Medikamente, mal ein Mikroskop oder den Generator. „Endlich Strom im Büro und im Krankenhaus“, stellt der Bau-Logistiker mit Erleichterung fest. „Es ging voran, der 40 Jahre alte Operationstisch sah nach wochenlangem polieren auch wieder ganz passabel aus.“ Die einheimischen Ärzte hatten bis dahin kaum die nötigen Geräte, Injektionsnadeln wurden mehrfach verwendet - trotz HIV. Dann brach eine Masern-Epidemie aus, gekühlter Impfstoff wurde dringend benötigt. „In Europa kann die Krankheit behandelt werden,“ schildert Rogalli „aber hier kann eine Infektion für die unterernährten dickbäuchigen Kinder tödlich sein.“

Gerettet: Wer noch bei Kräften ist,
kocht für seine Kranken angehörigen

Mut trotz Militär
„Es könnte genug zu Essen geben, aber die Felder werden nicht mehr bestellt“, berichtet Rogalli. Seine Mitarbeiter hätten ihm mehrfach frustriert geschildert, wie die Ernten jahrelang von den Militärs geraubt und die Frauen, die traditionell die Feldarbeit machten, massenhaft vergewaltigt worden seien. Die Organisation „Human Rights Watch“ sprich in ihrem im März veröffentlichten Bericht, von über 10 000 Vergewaltigungen pro Jahr allein im Ostteil des Kongo. Trotz Friedensabkommen, Übergangsregelungen und der Präsenz von mehr als 15.000 UNO-Friedenssoldaten der Mission MONUC sei die Gewalt nie abgerissen.
Häufig seien die Opfer der Vergewaltigungen Kinder, teilweise erst drei Jahre alt, klagt die Menschenrechtsorganisation an. Jeder Krieg ist mörderisch, über drei Millionen Menschen sind bereits ums Leben gekommen. „Aber die Leute schöpften wieder Mut als wir da waren, die Militärs hielten sich zurück und innerhalb eines Monats gab es auf dem Markt wieder bunte Stoffe und Taschenlampen zu kaufen“. Mico, wie Rogalli von seinen neuen Freunden genannt wurde, erzählt mit leuchtenden Augen. „Dadurch, dass wir Gehälter gezahlt haben, entstand Kaufkraft. Händler schoben ihre voll gepackten Fahrräder tagelang über die Dschungelpfade aus den größeren Städten nach Walikale.“

Die Sonne geht im Kongo früh unter. Nach Anbruch der Dunkelheit blieb der Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ lieber in seiner Hütte. „Es laufen zu viele unberechenbare Kindersoldaten durch den Dschungel", begründet Rogalli seine Vorsicht. Wenn er Arbeiten vergebe, achte er gezielt darauf, Mitarbeiter aus allen ethnischen und religiösen Gruppen einzustellen. „Alle, auch die Militärs müssen wissen, was ich tue; mit meiner Hautfarbe kann ich mich nicht verstecken.“ Um Walikale herum sind hauptsächlich vier bewaffnete Gruppen präsent: die reguläre kongolesische Armee, die aber überwiegend von Goma aus operiert, die Truppen des RCD(Rassemblement Congolais pour la Démocratie), eine augenscheinlich von Ruanda unterstützte Rebellenorganisation, die Bauern-Milizen Mai Mai und die Interhahamwe-Milizen. Letztere sind Hutu-Milizen, die nach dem Völkermord an mehr als einer Millionen Tutsi in Ruanda 1994 nach Kongo geflohen waren und von denen nach UN-Angaben noch knapp 10.000 aktiv sein sollen. Im Friedensabkommen zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda 2002 war die Entwaffnung der Hutu-Rebellen und der Abzug, der von Ruanda unterstützten Kämpfer aus dem Ostkongo vereinbart worden – gekämpft wird immer noch. Auch bei kleinen Konflikten säßen die Finger schnell am Abzug, schätzt Rogalli die Lage ein. Meistens geht es jedoch um handfeste wirtschaftliche Interessen im Bergbau.

Im Ostkongo gibt es Gold, Zinn und vor allem Coltan, eine wichtige Legierung für die Mobilfunk- und Raumfahrtintustrie. „Glücklicherweise habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht,“ berichtet der Logistiker. „Die lokalen Leute mit denen ich gearbeitet habe, waren gut, einige waren Freunde und sie haben viel bewirkt.“

von Meike Kloiber

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