Stopp-Training

Die Branche boomt. Immer mehr Kindergarten- und Grundschulkinder absolvieren Präventionskurse, um auf die gewalttätigen Gefahren des Alltags vorbereiteter zu sein. Der Bundesverband WSD „Wir stärken dich“ veranstaltet solche Trainings an über 1700 Schulen, auch vielerorts in Niedersachsen. Aber hilft das? Und wenn ja, wogegen?

Eindeutige Körpersprache:"Stopp, ich will nicht!"

 

Auf den Fotos, die Michaela Wandschneider hoch hält, ist ein Mädchen zu sehen, in sich zusammen gesunken, Füße und Schultern nach innen gekehrt, den Kopf hängenlassend. Daneben ein aufrecht sitzendes Mädchen, gerader Rücken, Blickkontakt. Lebhaft und voll bei der Sache, diskutieren die 17 Schüler und Schülerinnen in der Grundschule Isernhagen NB über die Bilder. Welches Mädchen ist stärker? Schnell und intuitiv analysieren die Dritt- und Viertklässler die Körpersprache.

„Ganz wichtig ist, den Kindern Selbstbewusstsein und Stärke zu vermitteln und das auf der Basis von Gefühlen“, sagt Kursleiterin Michaela Wandschneider. Sie versucht den Kindern deutlich zu machen: „Bei einem blöden Gefühl darf ich nein sagen - es ist mein Körper“. Gefühle zu unterscheiden, das sollen die Kinder lernen. Deshalb fragt Wandschneider immer nach, „wie fühlst du dich, wenn dich jemand anspricht? Und wie würdest du dich fühlen, wenn du dich getraut hättest „Stopp, ich will nicht umarmt werden“ zu sagen?“ Zuerst sei es unangenehm, eine komische Situation. Aber wenn die Kinder sich das klare „Nein“ trauen, dann hätten sie aus dem blöden Gefühl ein gutes gemacht. Sie merken, erläutert die ausgebildete Präventionstrainerin: „Das ist richtig toll und das kann ich. Das vermittelt natürlich Selbstbewusstsein.“ Und dann? Praktische Tipps zur Notwehr folgen: Ellenbogenstoßen – Ellenbogenschlagen.

Bewegung entsteht in dem großen sonnendurchfluteten Raum unter dem Dach. Aufwärmtraining, etwas Sport. Die Schüler hüpfen und schreien kraftvoll zur Musik. Dann wird geübt sich zu wehren, falls die Kleinen von hinten fest gehalten werden. Michaela Wandschneider hält einen dicken schwarzen Handschuh mit gepolsterter Fläche hin. „Ja, super hast du das gemacht!“ Wehe die anderen lachen, wenn jedes der Kinder die Bewegungen ganz auf seine Weise ausprobiert.

Eltern erhoffen sich von dem Training zum Beispiel, „dass meine Tochter weglaufen kann, wenn sie angesprochen wird“. Ja, sie hätten Angst um ihre Kinder. Viele müssen allein mit dem Bus zur Schule fahren. Vater Sven Hartmann ist da skeptischer: „Ich weiß nicht, ob die Ängste der Eltern dadurch beruhigt werden können, dass man die Kinder zu so einem Kursus schickt“. Kinder und Jugendliche über die jeweiligen Gefahrensituationen aufzuklären und ihnen Strategien mitzugeben, damit umzugehen, sei sinnvoll – aber, so warnt der Erzieher: „Baue ich da nicht auch Drohkulissen auf?“

Wenn sich eine Gruppe von Kindern ein Opfer aussucht, dann geschieht dieses oftmals aus einer bestimmten Intention, einer vermeintlichen Schwäche des unterlegenden Kindes heraus. Daher sollten Eltern und Betreuende das Umfeld der Kinder sehr genau beobachten und einbeziehen. Was ist los in der Schule und Freizeit, in welchem Stadtteil leben die Kinder? „Was für Seiten im Internet besuchen meine Kinder, was für Musik hören sie? Das muss ich wissen, um gegebenenfalls im täglichen Gespräch darauf einzugehen, um mich für sie einzusetzen.“ Sven Hartmann ist überzeugt: „Eltern können ihren Kindern vieles sehr viel lebenspraktischer mitgeben, es sollte nur der Wille und die Zeit da sein, sich aktiv mit der Umwelt ihrer Kinder auseinanderzusetzen.“ Wichtig sei allerdings, hier den moralischen Zeigefinger außen vor zu lassen.

Für Trainerin Michaela Wandschneider ist die Zusammenarbeit mit Eltern und Pädagogen ganz wichtig. „Natürlich frage ich gezielt nach, wenn ich bei einem Kind Auffälligkeiten beobachte.“ Ihr Konzept zur Präventionsarbeit stelle sie außerdem auf den Lehrerkonferenzen vor, mache auch zu Beginn jedes Kurses einen Elternabend, und die Bezugspersonen sind eingeladen jederzeit daran teilzunehmen.

Eher besorgt beobachtet Erzieher Sven Hartmann den anschwellenden Markt. Täglich landen mehr Werbeprospekte in seiner Einrichtung. „Ich habe das Gefühl, dass hinter diesem ganzen Sicherheitstraining mittlerweile eine ziemlich große Maschinerie steckt.“ Ganz viele Aufgaben, die eigentlich Schule, Kindergarten und Eltern leisten sollten, würden an externe Fachkräfte ausgelagert und privat bezahlt. „Das halte ich für den falschen Weg. Es wäre besser, das Umfeld mit einzubeziehen und in Kräfte vor Ort zu investieren.“

Kinder seien ein Spiegel der Gesellschaft, beziehungsweise ihrer direkten Umgebung. „Wie sollen aber Kinder in einer Welt, in der Krieg legitimes Mittel der Politik ist, in der primär materieller Erfolg zählt, lernen, einen gewaltfreien Umgang miteinander zu pflegen?“, fragt sich der Familienvater. Der Leistungsdruck in der Schule, Bewegungsmangel, reizarme Umgebung, instabile soziale Beziehungen, Gewalt in der Familie, es gibt sicherlich vielerlei Gründe, warum Kinder „gewalttätig“ werden können. „Jedoch sollte dann auch dort direkt interveniert, die Rahmenbedingungen der Kinder verbessert werden.“

Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Raum Hannover sind laut Polizeilicher Kriminalstatistik im letzten Jahr um knapp fünf Prozent gesunken, dennoch stehen Eltern Horrorszenarien wie Missbrauch, Kindesentführung oder Mord vor Augen. „Heutzutage sind alle Übergriffe ganz schnell in den Medien, es wird darüber gesprochen - aber folglich ist die Angstsituation bei den Eltern größer“, weiß auch die zweifache Mutter Michaela Wandschneider. „Alles was Angst macht, ist jedoch negativ, und vor allem davor wollen wir unsere Kinder schützen.“ Michaela Wandschneider will keine diffusen Ängste bei den Kindern erzeugen, sondern vielmehr durch positives Arbeiten Ängste nehmen. Es sei beispielsweise besser, zusammen mit den Eltern eine Liste aufzustellen, mit wem die Kinder bedenkenlos mitgehen können, als immer nur zu sagen: Geh' nicht mit Fremden!

Was bleibt? Den Kindern gefallen die Kurse, weil es dort ums zwischenmenschliche, um soziale Fragen und um Bewegung geht. Strahlend, mit einem festen Blick in den Augen verlassen sie den Raum. „Super, hat Spaß gemacht.“

Text und Foto: Meike Kloiber

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