"Wir konzentrieren uns auf die Jüngsten"

Wie die Hilfsorganisationen "Children's Relief", "Help" und "Save the Children" versuchen,
Kindern ihre Kindheit zu retten.


Text: Meike Kloiber

Die Bilder sind bekannt. Zerstörte Häuser, traurige Kinderaugen, starre Blicke in eine ungewisse Zukunft. Tausende von Kindern haben ihre Eltern verloren. Meldungen von Kinderhandel schrecken die Öffentlichkeit. Es gibt Organisationen, die sich speziell dem Wohl der kleinen verwaisten Tsunami-Opfer verschrieben haben. Von hier - für da. In Hannover schreibt die Organisation "Children's Relief - Hilfe für Kinder in Not" gerade einen Projektantrag. "Wir planen ein langfristiges Bildungsprojekt und wollen bestehende Kontakte zwischen einer Schule auf Sri Lanka und einer in Isernhagen dafür ausbauen", sagt Roswita Ahmad von der Hilfsorganisation. Im März soll das Projekt starten. Wie es genau aussieht, ist noch unsicher. Sicher ist die Hoffnung: dass direkte Kooperationen funktionieren.

Auch "Help" baut in Sri Lanka bereits Schulen neu auf. "Dort sieht die Situation ein bisschen besser aus", sagt Berthold Engelmann, Mitarbeiter von "Help - Hilfe zur Selbsthilfe". Im Norden Sumatras jedoch: Absolutes Grauen. Wolfgang Nierwetberg, Geschäftsführer von "Help": "Immer noch liegen Leichen unter den Trümmern, Hunderttausende sind obdachlos, hier herrscht noch bis April Regenzeit, Kinder campieren unter Plastikplanen." Das Kinder eingesammelt werden, um sie zu verkaufen, hat er persönlich nicht beobachtet. Doch weil in Thailand die Zwangsprostitution zum "normalen" Geschäft gehört - 800.000 Kinder verkaufen hier bereits ihre Körper an Touristen - ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch jetztige Flutopfer dazu gehören.
Wolfgeng Nierwetbergs Team unterstützt eine lokale Freiwilligen-Organisation bei der Betreuung der Obdachlosen und beim Begraben der Leichen.

"Über ein Drittel der Toten waren Kinder, sie sind leichter verwundbar, eine Wasserhöhe unter einem Meter kann für sie schon tödlich sein und die Welle war viel zu hoch", sagt Tom Alcedo, Leiter des Büros von "Save the Children" in Indonesien. "Aber, wir dürfen nicht bei den Toten verweilen, um die Überlebenden müssen wir uns kümmern!" Trauer und Entsetzten darf er im Moment nicht zulassen, nur weiterarbeiten. "Im Kampf ums Überleben der Kleinen kommt es auf jede Stunde, jeden Tag an. Wir konzentrieren uns auf die Jüngsten, die unter fünf Jahren, wir versorgen sie mit sauberem Wasser und Essen. Provisorisch haben wir Zelte aufgebaut, Flüchtlingslager eingerichtet. Wir reden hier über Tausende von Kindern."
Helferinnen von "Save the Children" wurden selber zu Opfern der Katastrophe. Zehn Hebammen starben in einem Schulungszentrum, eine Kollegin kam zusammen mit ihrem Baby in den Fluten um. Seit knapp dreißig Jahren arbeitet die Organisation in der Region. Die Regierung hob erst im Mai letzten Jahres das Kriegsrecht über die Provinz auf, das Friedensabkommen vom November 2002 war gescheitert. In dem Bürgerkrieg kämpfte die Separatistenbewegung Gerakan Aceh Moerdeka ( GAM, Bewegung Freies Aceh) seit 1976 um die Unabhängigkeit des rohstoffreichen nördlichen Teils der Insel Sumatra, über zehntausend Menschen starben. Die Familien hatten schon vor der Flutkatastrophe Schwierigkeiten, ihre Kinder ausreichend medizinisch zu versorgen und ihnen eine Schulbildung zu ermöglichen. Arbeitsschwerpunkte der Hilfsorganisation lagen daher in den Bereichen Gesundheitsversorgung und psychologische Betreuung. Schutzräume für mißbrauchte Mädchen und Frauen wurden aufgebaut.

Es wird noch Monate um das nackte Überleben der Kinder gehen. "Zunehmend versuchen wir uns auch um die Gefühle der Kinder zu kümmern, viele sitzen apathisch alleine oder in kleinen Gruppen auf dem Boden und starren Löcher in die Luft", sagt Tom Alcedo "Wir reden mit ihnen, registrieren ihre Namen und wo sie herkommen und suchen ihre Familien oder Bekannte." Wenn die Liebsten überlebt haben und gefunden werden, was noch Monate dauern kann, haben die Kinder Glück - und wenn nicht? Tom Alcedo: "Wir sind keine Vermittlungsagentur für Adoptivkinder". Die indonesische Regierung hat, nachdem erste Gerüchte über Entführungen von Kindern laut wurden, eine Verordnung an alle Sicherheitskräfte herausgegeben, die Kinder national zu schützen. "Wir tragen unseren Teil dazu bei und dokumentieren die Namen der Kinder in einem Datennetz", aber es gehöre zu den unangenehmen Tatsachen des Lebens, dass immer Leute versuchen werden, aus den Krisen Gewinne zu schöpfen, resümiert Alcedo. "Wir aber versuchen einfach nur, ein wenig Normalität wieder herzustellen."