Geld und Gewissen

In Indien überschüttet sich eine Mutter mit Benzin und zündet sich an. Sie konnte die wöchentliche Rate von fünf Euro für ihren Mikrokredit nicht aufbringen. Die einst gefeierte Idee von Nobelpreisträger Muhammad Yunus, den Ärmsten der Welt durch Kleinstkredite zur unabhängigen Lebensführung zu verhelfen, ist in Verruf geraten. Kreditvergabe ohne Kontrolle und zu hohe Zinsen treiben die Kreditnehmer in die Verzweiflung. Die Genossenschaft Oikocredit will die Idee retten.

30 Selbstmorde in nur 45 Tagen – eine schockierende Folge der sogenannten Mikrokreditvergabe. Allein im indischen Andra Pradesh hat sich die Zahl der Mikrokreditkunden innerhalb weniger Jahre verhundertfacht. Ein Riesenmarkt für Kredithaie. Viel der neuen Kleinstunternehmer nehmen weitere Kredite auf, um die ersten abzuzahlen. Das perfide System funktioniert ganz im Sinne der Banken, nur durch den Tod des Schuldners kann die Rückzahlung aufgehoben werden.

„Es ist notwendig dem Zinswucher von manchmal über 100 Prozent Einhalt zu gebieten“, fordert Nobelpreisträger Muhammad Yunus. „Es fehlt an einer guten Regulierung. In Bangladesch haben wir hart gekämpft, um so etwas zu bekommen. Die Regierung wollte zunächst nicht. Inzwischen aber haben wir ein Gesetz und eine Regulierungsbehörde, die für Mindeststandards bei den Mikrokreditorganisationen sorgt. So etwas muss es in Indien auch geben.“

Auf dem indischen Subkontinent und in Lateinamerika hat sich dank der Idee binnen weniger Jahre ein ganz neuer Dienstleistungssektor entwickelt. Allein in Indien hat sich in den letzten drei Jahren das Finanzvolumen der Mikrokreditbranche von 50 Milliarden Rupien auf 250 Milliarden verfünffacht, umgerechnet 4,2 Milliarden Euro. Waren es dort vor drei Jahren noch rund 7 Millionen Kreditnehmer, sind es heute mehr als 26 Millionen. Der rasant wachsende Markt bietet entsprechend große Chancen für Geldanleger und Spekulanten. Eine der größten Mikrofinanzfirmen, die SKS Microfinance, hat kürzlich Aktien im Wert von umgerechnet 260 Millionen Euro an die indische Börse gebracht. Die Gesetzte der Börse aber lassen die ursprüngliche Hilfeidee hinter enorme Gewinnerwartungen zurückstehen. Regulierung ist unerwünscht. Wer die meisten Aktien hält, bestimmt. Beispielsweise Zinserwartungen von mehr als 100 Prozent.

Anders ist es bei der Genossenschaft Oikocredit: Hier hat jedes Mitglied, unabhängig vom Kapitaleinsatz, das gleiche Stimmrecht. Werner Heilgermann aus Wunstorf, Vorstandsmitglied des Förderkreises Niedersachsen / Bremen hat sich schon persönlich von dem zweckgebundenen Einsatz der Kredite überzeugt. Bio-Sojaanbau in Brasilien: „Ich war beeindruckt von dem Projekt – die freundliche Arbeitsatmosphäre, die nachhaltige Produktionsweise und nicht zu vergessen: der Hofladen der Kooperative, da gab es nicht nur Sojaprodukte.“ Rund 450 Kleinproduzenten im brasilianischen Capanema verkaufen die Bohnen an das private Unternehmen „gebana Brasil“, das überwiegend in die Schweiz liefert. Um Produktionsüberschüsse sinnvoll nutzen zu können, hat die Firma ein Darlehen von Oikocredit erhalten. Sie investierte in Zubehör für eine Presse, um Sojaöl zu veredeln.


"Ich war beeindruckt." Werner Heilgermann besuchte ein
Bio-Soja-Anbauprojekt in Brasilien, das von Oikocredit gefördert wird.


Der Förderkreis Niedersachsen / Bremen hat rund 850 Anteilseigner, in Hannover legen rund Hundert Menschen ihr Geld bei der Genossenschaft an. Eine ältere Dame zum Beispiel: „Die Sparkasse macht keine ethisch fundierten Angebote, deshalb bin ich vor einem halben Jahr dazu gekommen.“ Vorstandsmitglied Otto Lange aus Stade erklärt: „Wir sind keine Direktanleger, sondern arbeiten über ein Förderkreiskonstrukt.“ Entstanden ist die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft vor 35 Jahren durch den Ökumenischen Rat. Christliche Gemeinden, Kirchen, Gruppen und Einrichtungen aber auch Einzelpersonen haben sich in den Förderkreisvereinen, „dem tragenden Netz“, wie Otto Lange sagt, zusammengeschlossen. Die Förederkreise verwalten das Geld treuhänderisch und sind institutionelle Anleger in der Genossenschaft mit Hauptsitz in Amersfoort, nach niederländischem Recht konzipiert. Das griechische Haus „oikos“ stecke ebenso in der Wortschöpfung Oikocredit, wie das lateinischen „credere“ (glauben und vertrauen).

„Oikocredit missioniert nicht, ist unabhängig von kirchlichem Einfluss“, stellt der ehemalige Pastor Otto Lange klar. „Jeder, mit jeder Religion kann Mitglied werden, wir fordern da keinen Nachweis, wenngleich wir eine ökumenische sozialethische Grundausrichtung haben.“

Arbeitsplätze und Einkommen für wirtschaftlich benachteiligte Menschen schaffen, Frauenförderung, bildungspolitische Ziele und Umweltschutz sind einige der Kriterien, nach denen die Kreditvergabe erfolgt. Lokale Partnerorganisationen entscheiden, begleiten und beraten die Gewerbetreibenden vor Ort. Um Transparenz zu schaffen, wird jährlich eine Liste veröffentlicht, mit allen Projektpartnern, den erhaltenen Mitteln und dem Investitionsbereich. Die Kreditnehmer müssen umfangreiche Förderanträge stellen. Geprüft wird, ob schon andere Darlehen aufgenommen wurden, um Überschuldung zu verhindern. Eine Rückzahlung soll realistisch sein. Auch beobachten die Mitarbeiter von Oikocredit, im Unterschied zu den kommerziellen Banken, ob die Mittel zweckgebunden eingesetzt werden.

Nicht nur im Ausland, auch in Deutschland werden Projekte gefördert. Otto Lange berichtet, die Fairhandelsgenossenschaft dwp (Dritte-Welt Partner) sei mit 350 000 Euro von Oikocredit unterstützt worden. Die dwp kauft Waren von zehntausenden Produzenten und Kleinbauern und beliefern als Großhändler Welt- und Naturkostläden hierzulande und in Österreich. Ein weiteres Beispiel: „EL PUENTE - partnerschaftlicher Welthandel“ mit Sitz in Nordstemmen bei Hannover.

Korruption und Missbrauch kann Otto Lange nicht absolut ausschließen. Natürlich fänden Buchprüfungen statt. Genauso sollen die sozialen Wirkungen erfasst werden, in welchem Ausmaß die Kreditvergabe tatsächlich Armut mindert. Oikocredit sei ein zusätzliches Instrument der Entwicklungsförderung, sagt Otto Lange: „Vertrauen, Selbstvertrauen aufbauen, die Leute wollen auf eigenen Füßen stehen. Wir agieren zum Gemeinwohl aber nicht wohltätig.“ Die Genossenschaft mit einem Kapitalvolumen von über 400 Millionen Euro finanziert sich aus eigenen Mitteln, auf die Darlehen werden daher Zinsen erhoben - bis zu 30 Prozent zahlen einige der Unternehmerinnen. Die landesüblichen Zinsen lägen jedoch weit höher.

„Fast alle Darlehen können bei Oikocredit zurückgezahlt werden, Ausnahmen gibt es bei Krankheiten oder Naturkatastrophen“, sagt Otto Lange. Die Anleger bekommen maximal zwei Prozent Zinsen, auch wenn mehr gezahlt werden könnte. Das verbleibende Geld, runde 35 Millionen Euro parkt das Unternehmen als Rücklage. Aus diesem Topf sollen Kredite für Regierungen gewährt werden, zum Beispiel für den Aufbau kommunaler Strukturen.

von Meike Kloiber

zur Startseite