„Niedliche“ Motive? - Kinder als Fotomodelle für die Touristen

Peru ist aufgeblüht. Attraktionen gibt es viele, von Oasen in der Sandwüste bei Ica über die Inka-Stätten um Cusco, die Bergwelt der Anden bis hin zum Dschungel. Der Tourismus wächst und trägt zuweilen erstaunliche Blüten. Leise sind die Kinderstimmen am Wegesrand zu hören. „Foto, Foto?“ flüstern die Kleinen.


Mädchen als Fotomodelle vor Canyon-Kulisse: Um die Touristen zusätzlich zum Foto zu animieren, hat Catalina (rechts) traditionelle Maissorten zurechtgelegt.

Der Colca-Canyon liegt runde drei Fahrstunden von Arequipa entfernt. Die Fahrt von Perus zweitgrößter Stadt führt auf der Schotterpiste über einen 4910 Meter hohen Pass. Die Bauern beten hier zu Pachamama, der Mutter Erde. Kleine Steine stapeln sie zu Türmchen aufeinander und bitten um Wohlwollen und reiche Ernte. Dennoch, der Ertrag reicht oft nicht für das Notwendigste. Die Bauern sind arm. Sie pflügen die schmalen Felder auf den Terrassen aus der Vorinkazeit auch heute noch mit dem Ochsengespann. Die ummauerten, abgestuften Äcker mit ihrem ausgeklügelten Bewässerungssystem machen die steilen Hänge des Canyon, der zu den tiefsten der Welt zählt, überhaupt erst nutzbar und garantiert den Touristen die traumhaften landestypischen Ausblicke. Zunehmend entdecken Reisende den Canyon. Touranbieter sprießten aus dem Boden. Heute preisen die Agenturen in den Hauptstädten Tür an Tür ihre Angebote, egal ob Trecking, Wildwasserrafting oder eine Tour zum Aussichtspunkt, an dem Kondore, die erhabenen, für die Inkas heiligen Könige der Lüfte, bestaunt werden können.

Am oberen Rand des Canyon angekommen, treffen Touristen auf erstaunlich viele kleine Mädchen in bunter traditioneller Kleidung. Ihr schwarzes Haar ist zu zwei langen Zöpfen geflochten. Die sonst typische kleine schwarze Melone, mit Bommeln verziert, thront noch nicht auf ihrem Kopf. Ältere Mädchen lernen durch die zu kleine Melone den aufrechten Gang, die muss regelrecht balanciert werden. Die jüngeren Mädchen haben schon schwer genug zu tragen. Oft schleppen sie in den markanten bunt gewebten Tüchern auf ihrem Rücken Waren oder kleinere Geschwister mit sich. Manche tragen auch kleine Lämmer auf ihren Armen. Offensichtlich wird dadurch das Begehren der Touristen erhöht, die Kleinen auf ein Bild für zu Hause einzufangen. Die Kinder posieren für die Touristen als Fotomodelle – eine neue Form der Kinderarbeit.

„Ich finde es OK für die Fotos zu zahlen“, sagt Oliver aus Berlin, einer der Touristen im Colca-Canyon. „Warum sollen die Leute hier nicht ihr Geld dafür bekommen?“ Bereitwillig greift er in seine Tasche und schießt anschließend das Foto für sein Urlaubsalbum. „Un Sol“ ist der Preis für das Kinderfoto. Knapp 30 Cent.

„Ob es Erwachsene oder Kinder sind, die für die Fotos Geld verlangen, ist entscheidend“, sagt Nicole Häusler, Ethnologin beim Gemeinsamen Arbeitskreis Tourismus und Ethnologie (Gate) in Berlin. Einer alten Frau zum Beispiel gäbe sie den Dollar für ihr Foto. „Aber, ich fotografiere keine Kinder, wenn sie Geld dafür haben wollen, auch wenn sie noch so süß lächeln.“ Im Sinne des nachhaltigen Tourismus findet Häusler es nicht in Ordnung, Kindern Geld zu geben, weil diese erstens damit teilweise mehr einnehmen als ihre Eltern und so zu den Haupternährern der Familie werden. Das stört das soziale Gefüge. Und zweitens würden die Kinder so oft nicht in die Schule gehen, was ihnen natürlich jegliche Zukunftschance verbaut. „Ich habe es in Burma erlebt, dort gab es ähnliche Entwicklungen mit dem zunehmenden Tourismus - da waren die Grundschulen plötzlich leer“, erläutert Häusler.

Während der Tourismussaison verdienen die Drei- bis Zehnjährigen so viel wie eine Büroangestellte in der Gegend, runde 200 Soles (ca.50 Euro) in Monat. Trotzdem seien sie normalerweise Vormittags in der Schule, behauptet eines der Mädchen. In Peru besteht für alle Kinder Schulpflicht und der Schulbesuch ist kostenlos. Trotzdem geht ein Viertel der Kinder im Land nicht in die Schule.

Um dagegenzuhalten sei es wichtig, dass die lokale Bevölkerung eine gewisse Kontrolle über das habe, was im Tourismus passiert, betont Wolfgang Strasdas, Professor im Fachbereich „Nachhaltiger Tourismus“ in Eberswalde. Für ihn wäre es nur akzeptabel, wenn sich die Gemeinden darüber einigten, unter welchen Umständen sei bereit seien, solche Bilder von den Kindern machen zu lassen. „Das funktioniert aber nur bei kleineren Communities mit einem großen inneren Zusammenhalt“, ergänzt er.

Einig sind sich beide, dass besonders in den armen Gemeinden beobachtet und analysiert werden müsse, wie die lokale Bevölkerung am Tourismus partizipieren kann. Zum Beispiel: Welche touristische Struktur gibt es vor Ort, wie können handwerkliche Produkte gefördert und in guter Qualität auf die Kaufinteressen der Touristen abgestimmt werden? Für die Bauernfamilien im Colca-Canyon ist schon heute der Verkauf von Handarbeiten die Haupteinnahmequelle. Gewebte Tücher aus Alpaka, Bänder mit traditionellen Mustern oder Täschchen mit touristischen Motiven bestickt, sind im Angebot. Dieses sollte soweit ausgebaut werden, dass die Arbeit der Kinder nicht mehr notwendig ist, meint Häusler.

Die meisten Peruaner haben keinen festen Arbeitsplatz. Sie arbeiten dort, wo gerade etwas Geld zu verdienen ist. Häufig haben sie mehrere und wechselnde Jobs. Arbeitslosigkeit hingegen kann sich kaum einer leisten. Arbeitslosengeld bekommen nur diejenigen, die vorher eine feste Arbeitsstelle hatten und deren Arbeitgeber Zahlungen auf ein Sonderkonto geleistet haben, wie es gesetzlich geregelt ist. Aber juristisch geregelt ist vieles, so verbietet die peruanische Gesetzgebung auch die Kinderarbeit. Dennoch kann der Staat sie nicht verhindern. Kinder arbeiten in der Landwirtschaft genauso wie als Schuhputzer. Letzterer, „lustrabotas“ genannt, gilt als regelrechter Kinderberuf, überwiegend von Jungen ausgeführt.

Die kleinen Mädchen erwirtschaften eher als Fotomodelle Geld. Heute habe sie schulfrei, erklärt Catalina, eines der Fotomädchen. Daher ist sie schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen. Der Weg zur Touristenroute ging eineinhalb Stunden steil bergauf. Jetzt sitzt die Achtjährige neben ihrer Freundin und blickt auf Anforderung grinsend in die Kameras. Sie präsentiert traditionelle Maissorten, um den Fotowert zu erhöhen, und versucht, nebenbei noch ein paar selbst gewebte dünne Armbänder zu verkaufen. Ihre Tage sind lang und anstrengend. „Wenn ich hier fertig bin, helfe ich noch auf dem Feld oder hole die Alpakas und Ziegen von den Weiden“, sagt das zierliche Mädchen. Eines Tages möchte sie Englisch lernen. Das ist nötig, um im Tourismus weiter zu kommen: zum Beispiel Touren führen und Reisene über die Sehenswürdigkeiten informieren. Tourismus könnte Catalinas einzige Zukunft sein.


Unsere Autorin, Weltenbummlerin Meike Kloiber aus Hannover, hat Catalina ebenfalls Geld für ein Foto gegeben. „Und ich hatte dabei ein sehr komisches Gefühl. Eben das hat mich dazu getrieben, das Verhalten zu hinterfragen und letztlich den Artikel zu schreiben. Es ist mein einziges Foto dieser Art.“

zur Startseite