Mut zum Begehren

 

Über 30.000 haben bereits das „Volksbegehren für gute Schulen“ unterschrieben. Auf Elternabenden kursieren die Listen, die bewirken sollen, dass das Abitur nach 13 Jahren wieder als Standard eingeführt wird und die volle Halbtagsschule bestehen bleiben. Sammeln, informieren, sammeln - auf öffentlichen Plätzen, bei Wind und Wetter. Asphalt hat es ausprobiert.

Ein kalter Wind bläst durch die Fußgängerzone. Die Menschen haben keine Zeit und weichen aus, als sie die Unterschriftenliste sehen. Dennoch habe ich mich gut vorbereitet und weiß, dass die Unterstützenden nach Gemeinden sortiert unterschreiben müssen. Es kostet Überwindung, die Menschen anzusprechen. Etwas zurückhaltend sage ich: „Gegen das Turboabitur - für Gesamtschulen“. Einige stutzen, kommen zurück und antworten: „Doch, da unterschreibe ich!“ Eine Frau sagt: „Ich kann nicht, mein Sohn geht schließlich aufs Gymnasium und findet G7 gut“. Das Volksbegehren schließt die Hochschulreife nach zwölf Jahren jedoch nicht aus, vielmehr sollen Gymnasien frei wählen können. Dann kommt eine ältere Dame: „Bloß nicht noch mehr Druck – ich unterschreibe“.

Die erste rechtliche Hürde wurde bereits im März genommen, die notwendigen 25.000 Stimmen, um das Volksbegehren zu beantragen, liegen Landeswahlleiter Volker Homuth vor. Jurist und Mitinitiator Andreas Henze erläutert: „Weil die Landesregierung entscheidet, wird es vermutlich bis Anfang Juli dauern, bis die Zulässigkeit festgestellt ist und danach haben wir noch ein halbes Jahr Zeit, um die 10 Prozent aller Wahlberechtigten zu erreichen.“ Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) argumentiert für das Abitur nach zwölf Jahren mit dem internationalen Standard des Schulabschlusses, doch Niedersachsen schneidet schon im nationalen Vergleich schlecht ab. Nur 27,7 Prozent der Schüler erwerben die Hochschulreife, Tendenz sinkend und deutlich unter dem Durchschnitt der Flächenländer. „Diese unselige Entwicklung wird durch die Schulzeitverkürzung noch gefördert“, kritisiert Henze. Auch von dem 2005 durch Ministerpräsident Christian Wulff postulierten Ziel einer Abiturquote von 40 Prozent sei schon längst nicht mehr die Rede. „Da ist der Weckruf der Pisa-Studie wohl ungehört verhallt.“

Der ehemalige Schulleiter Dr. Dieter Galas warnt: „Eine gemeinsame Schule ohne Gymnasialkinder ist keine IGS!“ Die Landesregierung versuche, zusammengelegte Haupt- und Realschulen als Gesamtschulen zu deklarieren. Diese dürften wiederum die Schüler in nur zwei Parallelklassen pro Jahrgang und gemeinsam unterrichten. Einer neu gegründeten IGS hingegen, auf die auch Begabtere gehen, schreibt die Landesregierung die Fünfzügigkeit vor. Vielerorts sind diese Riesenschulen aber nicht machbar. Außerdem wollen CDU und FDP künftig die frühe Differenzierung nach Leistungen. IGS-Schulleiter warnen, dass damit gemeinsames Lernen und ein durchlässiges Bildungssystem quasi abgeschafft würden.

Seit der Einführung des Turboabiturs im Jahr 2004 ist laut Landesschulbehörde die Anzahl der Schüler und Schülerinnen, die vom Gymnasium auf die Realschule „abgeschult“ werden, um 50 Prozent auf rund 4000 gestiegen – nur ein Zehntel schafft es in die andere Richtung. Gleichzeitig sprießenden Nachhilfestudios aus dem Boden. Im vergangenen Jahr machten sie einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. „Das können sich nur Eltern mit hohem Einkommen leisten, aber die Kinder von anderen Eltern sind ja nicht weniger intelligent, die brauchen die gleichen Chancen“, warnt Henze.

Heike Fortmann (Foto), einfach nur eine engagierte Mutter, sammelt daher Unterschriften. Erfolgreich? „Wir arbeiten dran.“ Gut wären noch mehr Leute mit dem Klemmbrett in der Hand. 608.731 gültige Unterschriften, dann wird das Gesetzt geändert.

Text und Foto: Meike Kloiber

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