Die Mülltaucher

Täglich tonnenweise landen Lebensmitteln in Deutschland im Abfall: unansehnlich, nah am Verfallsdatum, die Verpackungen eingerissen, oder als unverkäuflich gleich chargenweise aus dem Sortiment genommen, weil die EM oder Ostern bis gestern war. Essenssammler wollen das nicht hinnehmen und genießen den „Müll“ der Supermärkte. Ein Bewegungsbericht.

„Wer kommt gleich mit containern?“, ruft Tobi in die Runde. Seine Ausrüstung liegt bereit, Handschuhe, Plastiktüten, Taschenlampe, ein großer Rucksack. Die Gruppe radelt zum ersten Discounter. Tobi weiß, welche Container zugänglich sind. Das ist nicht überall so. Einige Läden schließen die Container ab. Argumentieren, die Leute würden sonst nichts mehr kaufen - oder befürchten, sie könnten gar haftbar gemacht werden, würde jemand erkranken. „Das ist doch Irrsinn“, findet Tobi. Er protestiert gegen diese Zwänge der Marktwirtschaft, nach denen Lebensmittel weggeworfen werden sollen, obwohl sie noch genießbar sind. „Wenn wir die Sachen essen, müssen sie wenigstens nicht noch einmal produziert werden.“

Containern ist der in Deutschlands Alternativszene gebräuchliche Ausdruck, international wird meist von „dumpster diving“, dem Mülltauchen gesprochen, gelebt in der Bewegung der „Freeganer“. Es ist eine Wortschöpfung kombiniert aus „free“ und „vegan“, kommt ursprünglich aus den USA und ist auch in England längst weit verbreitet. Die sozialen Politaktivisten suchen im Abfall nach Essen, weil sie sich, wie sie selbst sagen, einer verantwortungslosen Konsumhaltung verweigern wollen. Teilen, wiederverwerten, ökologisch und gemeinsam Leben – das ist ihr Credo.

 

Mülltaucher Tobi hat Biomilch aus der Tonne gefischt.


Diebstahl oder Hausfriedensbruch

„Wahnsinn, was die alles wegschmeißen.“ An die zehn Packungen Scheibenkäse liegen dort im leicht verdreckten Inneren der viereckigen Tonne, dazu Trinkjoughurt, Fruchtjoghurt und auch ein Liter Bio-Milch mit dem Haltbarkeitsdatum von heute. Schnell packt der 28-jährige alles in seinen Rucksack und kippt die nächste Tonne leicht an, um tiefer hinein greifen zu können. Brokkoli, Paprika, Tomaten – jetzt noch makellos, vermutlich nach dem Wochenende nicht mehr zu verkaufen.

Im Abfall zu tauchen gilt in Deutschland als illegal, hier hat selbst der Müll noch einen Besitzer. Der Rechtsverstoß bewegt sich in einer Grauzone zwischen Diebstahl und Hausfriedensbruch. Vor einigen Jahren wurde eine Kölnerin zu 60 Arbeitsstunden verurteilt und auch ein Tübinger hatte sich Ende 2007 vor Gericht zu verteidigen wegen Hausfriedensbruch. In vielen Fällen bestehe seitens der Polizei jedoch kein Verfolgungsinteresse, berichtet Falk Beyer vom Jugend-Umweltbüro in Magdeburg aus Erfahrung. „Einmal gaben sie uns den Tipp, wir sollten es doch das nächste Mal so anstellen, dass der Supermarkt es nicht merkt, ein anderes Mal war die Polizei nicht bereit, wegen Mülldiebstahls extra anzureisen.“

 

 

Die Ausbeute ...

Bei Tobis Gruppe sind die Rucksäcke voll, obwohl es noch viel mehr gäbe. Die Menge der Lebensmittel im Müll ist ernüchternd, doch der Student erläutert: „Das ist noch gar nichts hier, du musst mal auf den Großmarkt gehen, da werden ganze LKW-Ladungen in die Container gekippt, wenn drei Köpfe Salat nicht in Ordnung sind. Die kommen dann nicht durch die Eingangskontrolle und weg!“ Wie viel tatsächlich direkt nach der Produktion im Abfall landet, darüber schweigen die Lebensmittelketten.

Tafeln sind nicht für alle da

Bis zu 22 Tonnen bekommt die "Hannöversche Tafel" jeden Monat gespendet. „Uns mangelt es eher an Fahrern“, sagt Organisationsleiter Horst Gora. Bei der Verteilung dieser Mengen ist eine stringente Logistik unabdingbar. Weitergegeben werden die Lebensmittel ehrenamtlich und direkt an den Ausgabestellen an 2000 registrierte Bedürftige: Obdachlose, Sozialhilfe- und Hartz IV-Empfänger. 1000 Kinder werden an den Tafeln versorgt und nochmals 1000 Menschen bekommen in gemeinnützigen Einrichtungen etwas zu essen. Auf Lebensmittelhygiene wird natürlich geachtet: „Wir verteilen keine abgelaufenen Waren und so Leid es uns tut, die selbstgekochte Marmelade aus dem Keller sollte auch lieber privat verschenkt werden.“ Die Zahl der Bedürftigen steige stetig, erläutert Gora. „Rund um die Uhr könnten wir sammeln und verteilen aber es ist unmöglich ehrenamtlich aufzufangen, was der Staat nicht schafft.“ Die „Hannöversche Tafel" benötigt daher formale Auswahlkriterien für die Hilfsbedürftigkeit und so werden Leute die sich arm arbeiten, oder Auszubildende oder auch Studenten generell nicht berücksichtigt. Tobi findet die Arbeit der Tafeln super. „Allerdings muss politisch ein anderer Weg gegangen werden, um die sozialen Probleme zu lösen. Aber Hauptsache die Lebensmittel landen nicht auf der Kippe.“ Auch er sammelt nicht nur für sich, bringt anderen etwas mit, verteilt die Sachen privat.

 


... eines kurzen Tauchgangs.

Wir brauchen noch Brot, ich kenne einen Bäcker.“ Weiter geht die Fahrt quer durch Hannover. Auf dem Hinterhof stehen die Kisten stapelweise mit Brötchen, Kuchen und etwas eingefallenen Croissants. Ist das Müll? „Wozu stehen denn Backwaren sonst draußen bei Nieselregen zwischen den Müllcontainern“, sagen die Aktivisten. Realität der Wegwerfgesellschaft: „Wir hätten mehr Tüten mitnehmen sollen.“ Die Fahrräder werden voll geladen. Der Wert der gesammelten Waren: runde hundert Euro – Geld, das einige Menschen nicht haben. „Machen wir uns nichts vor, psychisch ist es etwas ganz anderes, ob jemand aus Überzeugung gegen dieses Marktprinzip containern geht oder weil ihm in dieser Gesellschaft nichts anderes übrig bleibt“, meint Tobi. Der angehende Arzt schäme sich der nicht dafür, in den Mülltonnen zu kramen.

Zweifelnde Reaktionen gäbe es jedoch schon am Essenstisch, wenn Gäste festlich bekocht werden. „Wenn wir ihnen, während sie das Essen noch loben, erzählen, dass das, was sie da gerade auf dem Teller haben, aus so einer Tonne stammt, sind viele erst einmal irritiert.“ Spätestens das ist der Beginn vieler spannender Diskussionen.

 

Hungersnot ohne Tafeln

Essen produzieren für den Müll. Muss das sein? Und was kann helfen? Der Ökotrophologe Konstantin von Normann von der Universität Münster hat über die Arbeit der Tafeln geforscht.


„Brot für die Welt“ vermutet, ein Drittel der Lebensmittel landen direkt nach der Produktion auf dem Müll. Warum werden so viele Lebensmittel weggeschmissen?

Normann: Ich habe niedrigere Zahlen, bezogen auf Aussagen der Unternehmensberatung „Mc Kinsey“. Aber letztendlich stochern wir alle im Nebel. Eine Menge Gründe gibt es dafür, das es so ist, vor allem unser Anspruchsdenken. Ob jetzt das Brot vom Vortag schon zu alt ist oder die Banane braune Flecken hat, es wird halt nicht mehr gekauft.

Bessere Planung ist unmöglich?

Normann: Seit der Gründung der Tafeln kalkulieren die Unternehmen zunehmend genauer. Man hat gesehen, wie viel Lebensmittel aussortiert werden, obwohl sie noch verzehrfähig sind. Der Bäcker schätzt wie hoch sein Bedarf ist, sicher ist er sich nie. Das Angebot muss von morgens sechs bis abends 22 Uhr möglichst umfassend vorgehalten werden. Das ist natürlich das Motiv, das dahinter steht. Da geht es darum, dass wir die Ware sofort haben wollen und sonst das Unternehmen strafen, indem wir abwandern. Da sind wir schlecht erzogen!

Wenn nicht erst durch die Werbung das Bedürfnis nach fünf Sorten geschürt würde, könnte ja auch eine ausreichen, oder?

Normann: Wir haben verschiedene Einkommensklassen. Das eine Kundensegment fragt Premiumprodukte nach, das Andere versucht, weiße Ware, also die billigen Lebensmittel, zu bekommen. Der Supermarkt muss für alle etwas vorhalten. Nachfrage und Angebot sind extrem heterogen, denn wir Menschen sind halt so verschieden. Das interessante an der Marktwirtschaft ist, das den Unternehmen frei steht, was sie anbieten möchten. Von Innovationen erhoffen sie sich mehr Gewinn. Wenn der Staat dem Unternehmen Vorschriften auferlegt, dann geht das in Richtung Konsumpolitik. Das haben wir nach dem zweiten Weltkrieg kurz gemacht aber seit dem lässt man den Unternehmen freie Hand. Es wäre ein schwerer Eingriff, da etwas zurückschneiden zu wollen.

Ein erheblicher Teil der Ware wird entsorgt. Da ist die Behauptung doch falsch: produziert auf Nachfrage.

Normann: Das ist genau der Pferdefuß dabei: Die Sorge des Einzelhandels, dass die Kunden abwandern. Deshalb wird vorgehalten. Man kann die Menschen nicht auf morgen vertrösten, auch weil es keine Vorratshaltung mehr gibt. Der Kühlschrank ist leer. Eingekauft wird, sobald man das Produkt braucht und wenn es dann nicht im Regal parat liegt, reagiert man ungehalten. Ich wünsche mir, dass wir kompetenter an die Sache heran gehen und Produkte kaufen, die nachhaltig erzeugt sind und aus der Region kommen, aber wir sind da durch die letzten Jahrzehnte versaut.

Wie könnte das anders organisiert werden?

Normann: Gemüse im Garten, Schweine im Hinterhof, da geht die Entwicklung ja nun nicht hin. Ich wünsche mir mehr Transparenz und dann entsprechend mehr Verbraucherbildung. Wir müssen uns fit machen, wir müssen unsere Kinder aufklären, Produktinformationen lesen lernen, so dass vom Herkunftsland auf die Produktionsbedingungen geschlossen werden kann. In Richtung Nachhaltigkeit muss die Entwicklung gehen, da wir mit den Ressourcen, die wir haben, nicht mehr so weitermachen können.

Und systematisch ganz andere Ansätze zu verfolgen?

Normann: Im Sozialismus wird vom Staat vorgegeben, was produziert wird, in welchen Mengen und in welchen Qualitäten. In der Marktwirtschaft überlässt man das dem Spiel aus Angebot und Nachfrage. Das bedeutet zunächst einmal ein effizienterer Ressourceneinsatz, da sie dann tatsächlich nur Güter am Markt haben, die auch nachgefragt werden. Das die Realität leider nicht so ist, damit müssen wir dann kämpfen und es abfedern im Bereich „sozial“ bei der Marktwirtschaft. Ansätze sind: die Verbraucher bilden und für Einkommen sorgen.

Nochmal, das System funktioniert doch nicht, wenn die Tafeln in ehrenamtlicher Arbeit die Versorgung der Bevölkerung an der Existenzgrenze übernehmen.

Normann: Tja. Stellen wir uns mal vor, was passieren würde, wenn die Tafeln die Arbeit einstellen? Dann hätten wir von jetzt auf gleich eine Hungersnot! Hartz IV und Sozialhilfe reichen gerade für zwei Drittel des Monats.

 

Text und Fotos: Meike Kloiber

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