Hühnergroßmast: Boom und Schrecken

Geflügel: schmackhaft, modern - Gesundheit und Fitness werden mit seinem Verzehr verbunden. Massentierhaltung ist derzeit die profitable Antwort auf die große Nachfrage nach billigem Huhn. Doch wegen der Risiken regt sich Widerstand, auch im Raum Hannover/Braunschweig.


(Foto: Meike Kloiber)
Geflügel-Schlachtanlage Wietze bei Hannover: angelegt für die Schlachtung von 134 Millionen Hühnern pro Jahr. Hühner aus der Massenmast leben rund 40 Tage, werden nicht geschlechtsreif und erhalten oft Antibiotika.

 

Im September 2011 ging die größte Geflügel-Schlachtanlage Europas in Wietze, nördlich von Hannover, in Betrieb. Im selben Monat verabschiedete die Regionsversammlung der Region Hannover eine „Resolution gegen Agrarfabriken”. Mehrheitlich appellierten die Abgeordneten, unterstützt von vielzähligen Bürgerinitiativen, gegen den Bau moderner Großmastanlagen. Landwirte aber demonstrierten mit 60 Treckern gegen den Beschluss, sie sehen ihre Wettbewerbsfähigkeiten in Gefahr und ihre Existenz bedroht. Die Zeichen stehen auf Sturm.

 

Wietze und seine Zulieferer

Die „Celler Land Frischgeflügel GmbH“, ein Tochterunternehmen der „Emsland Frischgeflügel GmbH“ und Teil der Rothkötter-Gruppe betreibt Europas größten Geflügelschlachthof in Wietze. 27.000 Tiere in einer Stunde oder 134 Millionen Hühner im Jahr sollen bei Vollauslastung „geerntet“ werden. Zur Zeit liefern auch dänische Mäster die Hühner. Um den Schlachthof auszulasten, sind über 400 Mastställe mit je 40.000 Hühnern erforderlich. In Wietzen/Holte bei Nienburg existiert ein weiterer Schlachthof der Firma „Wiesenhof Geflügel GmbH&Co.“

Den Schlachthöfen zuliefernde Mastställe im Raum Hannover und Braunschweig (Quelle: BIM, BürgerInitiative Munzel, www.buerger-massen.de):
- Ställe in Betrieb: Wedemark-Elze mit 79.000 und Neustadt-Metel mit 40.000 Hühnern.
- Anlagen im Bau: Cramme: 39.800; Denkte: 39.800; Elbingen, Grebshorn: 40.000 Hühner.
- Anlagen in Planung: Seelze-Dedensen: 37.500; Barsinghausen-Groß Munzel: 84.600; Eimbeckhausen: 40.000; Springe-Boitzum: 80.000; Hämelerwald-Mehrum: 39.500; Ilsede-Solschen: 39.900; Burgdorf-Berel: 84.000; Stederdorf-Wendesse: 39.370 Hühner; Wennigsen-Degersen: Brutereierproduktion für 24.000 Hühner und 2.000 Hähne.

 

Jeder Erwachsene isst derzeit in Deutschland im Schnitt 11,5 Kilogramm Hähnchenfleisch im Jahr. „Dieses Fleisch ist bis zu einem Viertel günstiger als Rind- und Schweinefleisch, eignet sich besser für Fertiggerichte und ist gut zu portionieren, auch in kleinen Verpackungen mit ein bis zwei Schenkeln“, sagt Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst von der Universität Vechta. Dazu komme, dass die Produktionskosten für Geflügel deutlich niedriger seien. Es werde viel weniger Futter gebraucht, um ein Kilogramm Hähnchenfleisch zu erzeugen als ein Kilogramm Rind- oder Schweinefleisch. Die Folge: der Markt boomt, aber nicht ohne Risiko.

Weltweit ist europäisches Geflügel begehrt. Größter Abnehmer ist Russland, gefolgt von der Ukraine, Hongkong, Saudi-Arabien und dem westafrikanischen Benin. Allerdings warnte Windhorst unlängst im Magazin „Land & Forst“: „Gerade im Hinblick auf die Exportmöglichkeiten ist Vorsicht geboten, weil vor allem die Drittlandsmärkte hart umkämpft sind und man sich dort bei tiefgefrorener Ware mit Unternehmen aus Brasilien und den USA auseinandersetzen muss.“ Außerdem strebe Russland eine vollständige Selbstversorgung an, und auch die Ukraine habe die Geflügelfleischproduktion deutlich gesteigert. Windhorst: „Wachstum ist dann ein Risiko, wenn es nicht am wahrscheinlichen Bedarf ausgerichtet ist und zu Überkapazitäten führt.“

(Foto: Deutscher Tierschutzbund)

"Die Tiere sitzen in der Massenhaltung fast ununterbrochen auf der Einstreu, die immmer dreckiger wird. Folge sind schmerzhafte Entzündungen und Geschwüre an den Fußballen. Dem Verbraucher wird das verheimlicht - die Beine der Hühner werden abgetrennt, bevor sie in den Verkauf gelangen" (Zitat Tierschutzbund)

Tradition hat die Hähnchenmast im westlichen Niedersachsen, im Weser-Emsland. Viele Bauern spezialisierten sich dort auf die Viehzucht, von der Ackerwirtschaft allein konnten sie nicht leben. „Im Laufe der Jahre kam das Knowhow dazu“, erläutert Diplom-Agraringenieur Dieter Oltmann vom „NRW Niedersächsische Geflügelwirtschaft–Landesverband e.V.“. Die Betriebe seien immer besser geworden, hätten Einkommen gesichert und dadurch sei die Struktur zur Herstellung von Hähnchenfleisch im westlichen Niedersachsen über Jahre gewachsen. Um jedoch Genehmigungen für weitere Stallbauten von den jeweiligen Landkreisen zu bekommen, müssen Gutachten erstellt werden, unter anderem über die Immissionsbelastung: Geruchsbelästigung, Keim- und Staubbelastung. Stehen an einem Standort schon mehrere Ställe, darf nur mit Abluftreinigung gebaut werden. „Das ist auf jeden Fall teurer, und deswegen prüft man, ob es Standorte gibt, wo man ohne Abluftreinigung bauen kann“, sagt Oltmann. „Kurze Transportwege haben wir auch noch da, wo heute Platz ist, im östlichen Niedersachsen. Hier, in der flächenstarken Region mit den großen Ackerbaubetrieben können wir außerdem die Verteilung des anfallenden Dunges aus der Tierhaltung gewährleisten.“ In einem kleinen Land wie Holland sei das ein begrenzender Faktor.


In den Mastställen fallen tausende Tonnen stark ammoniakhaltiger, stinkender Hühnerexkremente an. Auf den Feldern verteilt, bilden sich aus dem Ammoniak Nitrat und Nitrit – ein Problem im Grundwasser, da es wiederum im Menschen krebserregende Stoffe bilden kann. Pikant: In Dedensen wird ein Stall in einem Wasserschutzgebiet geplant. Die andere Möglichkeit, den Mist zu entsorgen - wie in Wunstorf-Kolenfeld angedacht - ist mit einer sogenannten Agro- oder Bio-Gasanlage. In diesen Chemieanlagen kommt es allerdings immer wieder zu Unfällen und Explosionen. Die wohl größte Biogasanlage steht in den Niederlanden, betrieben von „Ecoson“, einem Unternehmen der multinationalen Holding „VION Food Group“ mit einem Umsatz von über 8 Milliarden Euro. Im Aufsichtsrat saß 2011 Werner Hilse, Vorsitzender des „Landvolks Niedersachsen“ und Vizepräsident des Bauernverbandes. Er ist auch beim niederländischen Stärkehersteller „AVEBE“ tätig, neben seinen Posten in der „Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft e.V.“, der „Land-Data“, der „Rentenbank“ und anderen. Die Marktkonzentration schreitet voran.

1999 gab es in Niedersachsen 3.176 Betriebe, die rund 26,5 Millionen Masthähnchen verkauften. Im März 2010 waren es 10 Millionen Hühner mehr, allerdings in nur noch 1.040 Betrieben. „Dieses Wachstum der Betriebe ist in erster Linie preisbedingt verursacht und vom technischen Fortschritt begleitet“, sagt Wolfgang Arens vom „Landvolk Niedersachsen“. Profitieren würden vor allem die Verbraucher durch niedrige Nahrungsmittelpreise. Die Landwirte hingegen erzielten immer geringere Gewinnmargen und seien schon deshalb auf Wachstum angewiesen, um ihre Betriebe im internationalen Wettbewerb zukunftsfähig zu erhalten. Aus Niedersachsen kommen mehr als die Hälfte aller in Deutschland erzeugten Hühner. „Internationale Geflügelkonzerne wie Wesjohann mit 'Wiesenhof‘, Stolle, Rothkötter, Sprehe, Plukon mit 'Friki‘, Doux und Kalvelage mit 'Heidemark‘ konnten jahrzehntelang nebeneinander her wachsen“, weiß auch Diplom-Agraringenieur Eckehard Niemann von der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (AbL). Jedoch würden die Investitions- und Produktionsrisiken zumeist abhängigen Vertragsmästern aufgedrückt, deren Gewinne man durch die Preise bei Futter und Küken und bei der Abnahme der Tiere beliebig steuern könne. „An dieser Selbstausbeutung der Mäster verdienen die Konzerne, in Krisenzeiten wälzen sie die Folgen auf die Mäster ab“, sagt Niemann. Zynisch sei, Produkte aus solchen Produktions-Verhältnissen unter Siegeln wie „Bauernglück“ anzubieten.


(Foto: Kloiber)
 

Hahn Friedhelm aus dem hannoverschen Schulbiologiezentrum: Er durfte erwachsen werden, kann noch jahrelang morgens krähen und nachmittags seine Glucke beglücken.

Spätestens die Vorstellung, dass ein Hühnermaststall in ihrer Nachbarschaft gebaut wird, rüttelt die Bürger wach. Bundesweit mehr als 100 Bürgerinitiativen haben sich zusammen getan im Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“, unterstützt von Umweltschutzorganisationen wie BUND und NABU, kirchlichen Gruppen und dem Deutschen Tierschutzbund. Sie fordern von der Bundesregierung, dass nur noch jene Landwirte außerhalb der Dörfer und Siedlungen einen Stall bauen dürfen („Bauprivileg“), die die Hälfte des Futters auf hofeigenen Äckern produzieren, kein gentechnisch verändertes Futtermittel einsetzen, ausreichend Flächen für die Ausbringung der Gülle besitzen und nicht an kurzfristiger Gewinnmaximierung interessiert sind. „Anlagen, die eine Genehmigung nach dem Bundes-Immissions-Schutzgesetz erfordern, sind vom Bauprivileg auszuschließen“, heißt es im Positionspapier des Netzwerks. Großmastställe sollten ausschließlich eine Genehmigung als Industrieanlage erhalten.

Mit wie vielen Millionen die Steuerzahler die Massentierhaltung durch direkte oder Exportsubventionen fördern, ist schwer zu ermitteln. Allein der Neubau des Schlachthofs in Wietze ist vom Land Niedersachsen mit 6,5 Millionen Euro gefördert worden. Versprochen wurden Arbeitsplätze. „Eine Bekannte hat vom Arbeitsamt die Auflage bekommen, sich dort zu bewerben, und es wird gemunkelt, das auch Zeitarbeitsfirmen Leute schicken“, sagt Mareike Wilken, Mitglied der Bürgerinitiative Wietze. „Das ist doch alles krass! Die Verbraucher wissen nicht einmal, was sie kaufen. Wie bei 'Wiesenhof‘ mit den Eiern – alles schön bunt bebildert. Wie das Fleisch tatsächlich hergestellt wird, steht nicht auf der Verpackung.“ Auch macht sich die Mutter sorgen um den stark zunehmenden Verkehr. Wenn ihr die hunderte LKW-Durchfahrten vor ihrem Haus nicht passten, könne sie doch wegziehen, habe ihr auf einer Sitzung im letzten Jahr der Landrat empfohlen.

Auch Ministerpräsident David McAllister hält „starke Tierhaltungsbetriebe und Veredelungswirtschaft unverzichtbar für Niedersachsen“. Veredelung heißt, die Tiere werden mit Mais und Korn gefüttert und somit ein höherer Nährwert, nämlich Fleisch, erzeugt. „Das Welthungerproblem wird hierdurch nicht gelöst. Global machen die Konzerne die Märkte in der dritten Welt kaputt“, sagt Wilken.

„Massentierhaltung ab 5.000 Tieren assoziiert die Bevölkerung extrem negativ“, resümiert Maike Kayser von der Universität Göttingen. 40.000 Mastplätze pro Betrieb seien nicht tiergerecht, sind 87 Prozent der Verbraucher überzeugt und viele von ihnen wären bereit, zum Wohl der Tiere weniger Fleisch zu konsumieren. Politische Neuregelungen wie der Niedersächsische Tierschutzplan sind gefragt. Niedersachsens Agrarminister Lindemann versprach, dass das Amputieren von Hühnerschnäbeln bis 2015 ein Ende haben soll. Masthühnern wird weniger freie Fläche zugestanden als das Doppelte ihrer Körperfläche im Liegen. Eine Folge der mangelnden Qualität der Einstreu, auf der die Hühner stehen, sind Fußballen-Entzündungen. Massiv in der Kritik steht immer wieder die Verabreichung von Antibiotika, da sie Keimresistenzen hervorrufen. MRSA-Bakterien können durch kleine Schnittverletzungen an der Hand vom Wasser nach dem Auftauen in den Körper gelangen. Von der Massenware Huhn in den allzu billig konsumierenden Menschen.

Braucht die Viehwirtschaft ein neues Leitbild?

„Nein. Was wir brauchen ist ein neues Bild von der Tierhaltung in den Köpfen der Verbraucher. Wenn Landwirte ordentlich arbeiten, handeln sie verantwortungsbewusst für Tier und Natur, da brauchen sie nichts Neues zu definieren. Gerade Familienbetriebe wollen ihre Existenzgrundlage langfristig erhalten. Aber solange die Verbraucher nur zu dem Billigen greifen, müssen wir uns nicht wundern, dass entsprechend die Verfahren immer stärker auf die Marge ausgerichtet werden.
Wolfgang Arens, „Landvolk Niedersachsen – Landesbauernverband“

„Ja. In der Tierhaltung müssen wieder die Prinzipien bäuerlicher Landwirtschaft gelten, um die Tierhaltung in mittelständischen Strukturen mit Flächenbindung zu erhalten. Das Verbot der Agrarfabriken und Vorgaben für eine artgerechte Haltung nützen bäuerlichen Strukturen und - wegen des damit verbundenen Abbaus der ruinösen Überschüsse - auch den landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen.
Eckehard Niemann, „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“

Was bedeutet die Agrarpolitik der EU für Landwirte, Steuerzahler, Verbraucherinnen, die Umwelt und die Region? Mit: Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bioland, Brot für die Welt, BUND, Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, Deutscher Tierschutzbund, Evangelischer Entwicklungsdienst, Nabu und Slow Food.
Infoveranstaltung: „Bauer hält Hof“, 13. Januar, 18.30 Uhr,
Hodlersaal des Neuen Rathauses, Hannover. Eintritt frei.

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