Hochgenüsse

Wenn sich das Wandern im tadschikischen Fan-Gebirge mit dem Glanz der Seidenstraße paart


Tadschikistans Straßen sind unbefestigt. Entsprechend lange dauern die Fahrten in die Städte.

 

Übrig geblieben sind nur die kantigen Eiswände der Gletscher. Sie wirken wie angeklebt an das Felsmassiv im Westen Tadschikistans - weiß leuchtend. Darunter, vom Wind mit Wellen durchzogen, die grauen Geröllfelder. Das Fan-Gebirge ist Teil des Zentralasiatischen Pamir und nur im Sommer zugänglich. Anfang September fällt der erste Schnee, der erst jetzt wieder soweit schmilzt, dass die über 3 300 Meter hohe Passstraße befahrbar ist und die schier endlosen Serpentinen die zwei größten Städte Tadschikistans, Dushanbe und Khujand, verbinden. Heftig schäumt und sprudelt das Wasser in den Flüssen talabwärts und über die Weiden des Zeravshan-Tals treiben Bäuerinnen ihr Vieh.

Einladung zum Essen

Gern nehmen wir das Angebot der Frauen an, für uns Brot zu backen. Drei Generationen wohnen in dem Sommerlager mit Hütten aus aufgestapelten Feldsteinen zusammen. Wir fühlen uns angesichts der Lebensumstände um Jahrhunderte zurückversetzt. Tadschikistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Trotzdem werden wir sofort eingeladen auf dem soeben ausgerollten Teppich Platz zu nehmen. Zuerst bekommen wir Tee, dann Jogurt und Suppe - natürlich alles aus eigener Herstellung. Als Nachtisch gibt es so etwas wie getrocknete Sahne, süßlich und hart wie Chips. Die Oma zwinkert uns verschmitzt zu. Das Gesicht der Seniorin ist von tiefen Falten durchzogen, ausdrucksstark, mit Augen, die funkeln wie die Bergseen. Ihr Lächeln erwärmt das Herz. Die Frauen sprechen kaum Russisch, vieles wird mit Händen und Füßen erklärt. Dafür hört die Mutter auch schon mal auf, den Brotteig zu kneten, den sie später an die Innenseite des Lehmofens klebt. Wenn er sich löst, dann ist das Brot fertig. Bis dahin genießen wir in der Sonne den fantastischen Ausblick auf die Bergwelt. Grün, grau, weiß, blau - die Farben kennzeichnen die Höhe und ganz oben, über allem, ragt der Tschimtarga 5 489 Meter gen Himmel.

Freundlich werden die Fremden empfangen. Auch wenn die Tadschiken selbst nur das Nötigste
zum Leben haben, ist es selbstverständlich, dass die Gäste bewirtet werden.

Glasklare Seen

Das Sommerlager der Frauen befindet sich ungefähr auf gleicher Höhe mit der Zugspitze in knapp 3 000 Metern Höhe. Ganz in der Nähe ist das Basislager Alaudin; drei Häuser mit einfach eingerichteten Zimmern und warmer Dusche. Normalerweise zahlen Touristen zehn Dollar pro Nacht, aber in Zentralasien ist alles eine Verhandlungssache. Viele Reisegruppen zelten auf der Wiese zwischen den Felsbrocken. Die grau melierten Riesenkiesel erinnern mich an den Harz. Das Tal ist wunderschön. Ich bin begeistert von den malerischen Bergseen. Das glasklare grün-blaue Wasser funkelt wie Edelstein in der schroffen Gebirgslandschaft. Betrieben wird das Basislager von dem russischen Sportverein "Alaudin-Vertical". Internationale Spitzensportler klettern von hier aus im ewigen Eis um die Meisterschaft. Die drahtige Organisatorin Rufina Arefyev vermittelt Bergführer, Eseltreiber und steigt auch gerne einmal selbst mit ihren Gästen auf die umliegenden Fünftausender.
Wir brauchen etwas Zeit, um uns an die Sauerstoff ärmere Luft zu gewöhnen. Dann wagen wir zu zweit den Aufstieg zum Alaudin-Pass. Beim Anblick des steilen Weges, der uns auf fast 4 000 Meter Höhe führt, können wir uns kaum vorstellen, ihn zu bewältigen. Wir wandern vorbei an den knorrigen Wacholderbäumen, manche Stämme sind gewunden wie Korkenzieher. Unser Schritt ist langsam. Ich muss mich immer wieder umdrehen und staunend auf die Bergseen blicken. Knapp tausend Meter Höhenunterschied auf diesem Trampelpfad, ich komme an meine konditionellen Grenzen. Allerdings bin ich auch keine erfahrene Bergsteigerin. Das Gehen fällt mir schwer - weiter, einfach weiter, so fern ist das Geröllfeld dort oben doch gar nicht mehr, versuche ich, mir einzureden. Dann macht sich der nicht zu unterschätzen Faktor Ehrgeiz breit. Und ich staune, als wir nach vier Stunden oben auf dem Pass stehen. Auf der anderen Seite schimmert das hell türkise Wasser der großen Kulikalon-Seen, gesäumt vom gewaltigen Bergmassiv. Der eigene Puls hämmert noch in den Ohren, ansonsten absolute Stille und Weite - ein Hochgefühl.
Eine mehrtägige Trekking-Tour von Alaudin zu den sieben Seen oder zum Iskandarkul-See muss traumhaft sein. Da wir aber mit unseren Kindern unterwegs sind, fahren wir die Strecke lieber mit dem Auto, was allerdings ebenfalls anstrengend ist. Die Straßen in Tadschikistan sind komplett unbefestigt. Daraus ergeben sich meist mehrstündige Fahrzeiten, aber trotzdem ist ein Taxi durchaus bezahlbar. Rund 30 Dollar kostet die Fahrt in die Seidenstraßenmetropole Samarkand in Usbekistan. Es ist schon spät als wir ankommen.

Strahlende Kuppeln

Gegenüber des Registan kehren wir in einem "Bed and Breakfast" ein. In dem märchenhaften Innenhof empfängt uns der Chef persönlich und sehr höflich. "Natürlich zahlen Kinder nichts", sagt er mit freundlichem Lächeln und die Erwachsenen auch hier nur zehn Dollar pro Nacht. Eine Schildkröte kriecht in das üppige Grün im Zentrum des Hofs. Auf Podesten unter freiem Himmel, so genannten Taptschans, nehmen Gäste aus aller Herren Länder Tee, Gebäck oder Melone zu sich und berichten von ihren Abenteuern. Dann wird zum gemeinsamen Abendessen für einen Dollar pro Person gebeten.
Der blau erleuchtete Registan lockt uns aus dem Hotel. Dieses berühmte Bauwerk, mit seinen Medressen, den islamischen Hochschulen, majestätischen Toren, Kuppeln und Minarett-Türmen, wollen wir besichtigen. Tausende fein gearbeiteter Mosaike funkeln uns entgegen. Wir kommen mit einem der Wachleute ins Gespräch: "Seid morgen früh um sechs Uhr zum Sonnenaufgang hier, dann könnt ihr euch alles in Ruhe anschauen," verspricht er.
Als die Sonne über der Stadt aus tausend und einer Nacht aufgeht, stehen wir oben auf einem der Minarette. Die noch angenehm kühle Luft umweht uns. In der Glut der aufgehenden Sonne erstrahlen hellblau die fabelhaften Kuppeln und Tore. Das Morgenlicht verleiht der Stadt, die zu den ältesten der Welt zählt, einen märchenhaften Glanz.


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SERVICE

Tadschikistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, das hauptsächlich vom Baumwollanbau lebt. Die Amtssprache ist das Persische Tadschikisch, Russisch wird aber in allen politischen und wirtschaftlichen Institutionen verstanden. In modernen Großstädten wie Dushanbe sind Fragen nach dem Weg auf Englisch möglich.
Anreise: Flüge nach Taschkent oder Dushanbe zum Beispiel ab Frankfurt/M. kosten ab 700 Euro. Bei Flügen mit Zwischenstopp in Moskau sollte unbedingt der gleiche Flughafen für Ankunft und Abflug benutzt werden, da sonst ein russisches Visum gezahlt werden muss. Von Taschkent nach Samarkand dauert die Fahrt mit einem Minibus, einer so genannten "Maschrutka", sechs Stunden und kostet fünf Dollar. Die Maschrutkas starten, wenn sie voll sind. Von Samarkand fahren Taxen zur Grenze und weiter über Penjikent nach Alaudin.

Visum: Für Individualreisende sind Visa vorab bei der Usbekischen und Tadschikischen Botschaft in Berlin zu beantragen. Ein Visum kostet je nach Aufenthaltsdauer und Zahl der Ein- und Ausreisen 35 bis 160 Euro.

Übernachtung: In Dushanbe kosten Übernachtungen zwischen 10 und 90 Dollar. Gästezimmer mit privater Atmosphäre vermittelt für 15 Dollar die Great Game Company, die Informationen auf Englisch bereit hält. Zimmer der mittleren Klasse mit Klimaanlage und Fernseher sind ab 30 Dollar zu bekommen.

Pauschalreisen: Trekking- oder Radtouren bietet beispielsweise der Berliner Veranstalter "biss-Reisen", Tel.: 030/69 56 87 67, an. Eine Trekkingreise vom 29. 8. bis 19. 9. kostet 1 980 Euro. Die Wanderungen ohne Gepäck dauern zwischen drei und sechs Stunden und finden in verschiedenen Bergregionen auf einer Höhe von 1 600 bis 2 800 Meter statt. Zum Teil wird man aus der Feldküche verpflegt, geschlafen wird in eigenen Zelten oder man wohnt bei Familien. In Potsdam organisiert Elbrus-Erlebnisreisen vom 9. bis 24. September eine Trekkingtour im Fan-Gebirge.

Im Internet:
www.greatgametravel.co.uk
www.botschaft-tadschikistan.de
www.uzbekistan.de
www.biss-reisen.de
www.kaukasus-elbrus.de
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Text und Fotos: Meike Kloiber

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