Zwei Rollen Klopapier für eine Tüte Müll

Südafrika. Zwischen Kapstadt und dem südlichsten Punkt des Kontinents, dem Cape Agulhas, liegt die Stadt Hermanus. Traumhaften Stränden vor wunderbarer Bergkulisse Wassersport inklusive Hai-Tauchen. Im Winter sind kalbende Wale die Attraktion. Diese schwimmen dafür bis auf wenige Meter an die Klippen heran. Mitten in diesem Paradies liegt das Township Zwelihle. Dort, am Stadtrand der internationalen Walhauptstadt, leben Bulxelwa und Ntosh. Zwei Frauengeschichten jenseits vom Luxus nach der Arpartheid.

Text und Fotos: Meike Kloiber

“Schau mal da drüben, Mable hat sich gerade einen neuen Pulli ausgesucht”, lacht Bulxelwa über den Dreijährigen, der sich stolz in seinem neuen Kleidungsstück dreht. “Vier Tüten voll mit Plastikflaschen musste er dafür sammeln”, erläutert sie. Bulxelwa organisiert im Zwelihle Township zusammen mit Marilyn von der Velden den “recycle swop shop”. Kinder sammeln Altglas, Plastikflaschen oder Verpackungen und tauschen diese gegen Kleidung, Klopapier oder Schulsachen. Getauscht wird jeden Mittwoch. Dann breitet die energische und lebensfrohe Erzieherin die gespendeten Sachen aus und nimmt die gesammelten Mülltüten entgegen. Die Kinder stehen Schlange und die Vorschullehrerin nutzt die Gelegenheit: Jedes Kind bekommt ein Glas Milch mit auf den Weg. “Was ist das denn?” oder “Cola schmeckt aber besser”, protestieren die Kleinen. Aber die Brause ist weit weniger gesund. Bulxelwa ist da unnachgiebig. “Diese Flasche ist ja schön bunt, solche mag ich am liebsten”, lobt Bulxelwa die fleißige kleine Sammlerin Mabona. Ihr liegt es am Herzen, dass gerade die Kleinsten die leichteren Plastiksachen sammeln. Wiederverwertbarer Müll könnte in Hermanus auch an offiziellen Stellen abgegeben werden, umgerechnet 45 Cent werden dann für 100 Kilogramm bezahlt. Die Erzieherin aber rechnet nicht nach Kilogramm ab, sondern nach Tüten beziehungsweise Menge. Trotzdem oder vielleicht gerade auch weil sie es nicht so genau nimmt, haben ihre rund 300 Schützlinge letzes Jahr über zehn Tonnen gesammelt, berichtet die 35-Jährigenicht ohne Stolz.

Straßenkinder und Wellblech

Sie zeigt auf einen alten Flughafentower. “Da drin ist unser Laden”. Auf dem ehemaligen Flugfeld stehen heute die Hütten des Townships. Eine Horde Kinder umringt uns. Die meisten von ihnen leben tagsüber auf der Straße und gehen nur zum Schlafen nach Hause. Bulxelwa versucht einige der Straßenkinder, in den ebenfalls von ihr organisierten Kindergarten zu integrieren. Duschen gehört dann zum täglichen lautstarken Programm. Die Kinder lieben es. Der Höhepunkt des Monats ist für die “swop-shop-Kinder” ein Ausflug. Bulxelwa geht mit gut zwanzig von ihnen wandern oder schwimmen und, wenn es eine Spende gibt, anschließend auch mal Eis essen.
Eine Wohnung in der Stadt Hermanus kann sich die Kindergärtnerin trotz harter Arbeit mit den Kids nicht leisten. Sie lebt zusammen mit ihrer Schwester in einer Wellblechhütte im sogenannten Transitcamp, dem ärmsten Teil des Townships. Bulxelwa und ihre Schwester haben ein Bett und eine Plastikkiste mit Kleidung in der rund sechs Quadratmeter großen Hütte. Die Wände und der Fußboden sind dezent beige gemustert, nur notdürftig mit PVC ausgekleidet. Auf dem Bett liegt eine gelbbraune Decke. “Ich warte auf den Umzug nach Kwaza Kwaza, der Antrag ist gestellt, am liebsten sofort”, sagt sie. Dann blickt sie auf den staubigen Sandboden, in den sie seit einer Weile mit ihrem Fuß Linien zieht.
Kwaza Kwaza ist der neue Teil des Townships. Es gibt dort Steinhäuser mit Küche und Toilette, von der Regierung finanziert. Wer etwas Geld hat, baut sich zusätzliche Holzhütten als Schlaf- oder Kinderzimmer. Bis zu fünfzehn Leute gehören zu einem Steinhaus. Einzelzimmer kann sich nur der Besitzer der Bars, der sogenannten “shebeen” leisten. Seine Einnahmen aus dem Alkoholverkauf reichen sogar für ein zweites Stockwerk. Die Bewohner zahlen in den Townships keine Miete, nur für Strom und Wasser, sofern vorhanden, erhalten sie eine Rechnung.

Ein Einkommen für Sechs

Ntosh hat es bereits dahin geschafft, wo sich Bulxelwa hinsehnt. Durch die offene Tür der Holzhütte fällt der Blick auf einen weißen Sechziger-Jahre-Kühlschrank mit abgerundeten Ecken. Hier wohnt Ntosh zusammen mit zwei Cousins. Drinnen umsehen? Lieber nicht. Eine Einladung bleibt aus. Stattdessen erzählt sie draußen von ihrem Glück, einen Job als Putzfrau in der Jugendherberge zu haben. “Von meinem Gehalt leben außer mir meine Mutter und vier Geschwister ”, erklärt sie. “Die sind noch in East London, wo ich herkomme aber dort gibt es keine Arbeit mehr”, erzählt Ntosh mit fast monotoner Stimme. “Vorher habe ich mit meiner Mutter dort in einer Thailändischen Fabrik Klopapier produziert, für 20 Rand (rund 2,50 Euro) am Tag, aber die Fabrik wurde geschlossen”, sagt die Anfang Zwanzigjährige. Aber jetzt bekomme sie in Hermanus umgerechnet fast 10 Euro am Tag. Ihr Mund formt sich zu einem schüchternen Lächeln.

Besonders die mittlere Generation der Schwarzen aus der Provinz East Cape zieht neuerdings an den Rand der weißen Hochburgen um Kapstadt. Die Großeltern und kleinen Kinder bleiben zu Hause. Erst wenn die Kinder das Schulalter erreichen ziehen sie nach. Die Schule im Zwelihle Township ist daher völlig überbelegt. “Weit über eintausend Kinder gehen in die Schule da drüben, es sind Klassen mit 60 bis 80 Kindern”, erzählt Ntosch. Gebaut wurden die Räumlichkeiten für 700 Schulkinder. Ein paar Straßen weiter steht das vergitterte Gebäude der Polizeistation. “Die sind nur ein Tag in der Woche da, um Anzeigen entgegenzunehmen. Die Krankenschwestern kommen auch nur einen Tag, ein Arzt gar nicht”, sagt Ntosh.


An diesem Tag verteilen die Krankenschwestern hauptsächlich Medikamente. Und für Tuberkulosekranke, die vor der Tabletteneinnahme etwas im Magen haben müssen, gibt es auch noch eine Suppe. Davon gibt es immer mehr. Was sich für ihre Familie seit dem Ende der Apartheid vor zehn Jahren geändert hat? “Im Moment geht es uns nicht unbedingt besser, dass wird wohl noch ein paar Generationen dauern.” Hoffnung.

Erste und dritte Welt in einem Land

Vor zehn Jahren wurde Nelson Mandela demokratisch zum ersten schwarzen Präsidenten von Südafrika gewählt, sein Nachfolger seit 1999 ist Thabo Mbeki. Das Land ist mehr als dreimal so groß wie Deutschland und besteht aus neun Provinzen. Die Hauptstadt ist Pretoria.
Knapp 80 Prozent der Bevölkerung haben eine schwarze Hautfarbe. So genannte erste und dritte Welt existieren in Südafrika direkt nebeneinander. Das mittlere Haushaltseinkommen einer weißen Familie ist mehr als zehn mal so hoch wie das einer schwarzen Familie. Die Arbeitslosigkeit liegt laut Auswärtigem Amt bei über 32 Prozent. In einigen Provinzen, wie Eastern Cape sogar um die 50 Prozent - betroffen sind hauptsächlich Schwarze. Laut der Hilfsorganisation “terre des hommes” leben etwa 17 Millionen Kinder in Südafrika und stellen somit 45 Prozent der Bevölkerung. Fast zwei Drittel von ihnen müssen um ihr tägliches überleben kämpfen. Nach Schätzungen der Hilfsorganisation gehen 400.000 Kinder und Jugendliche einer legalen oder illegalen Arbeit nach. Die Zahl der HIV/Aids-Waisen steigt dramatisch. Berechnungen gehen davon aus, dass im Jahr 2010 mehr als vier Millionen Kinder als HIV/Aids-Waisen in der Republik leben werden.

 

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