Helden, Loser, Visionäre

Jugendliche gehen im Kirchentheater bei Proben und Aufführungen aus sich heraus

Mit vollem Einsatz
haben sie geprobt, mit vollem
Einsatz ihr Theaterstück auf die Bühne gebracht -
die Jugend- lichen der Jugendkirche Hannover

 

Hannover. Fassungslos realisiert die BND-Undercover-Ermittlerin, klassisch im beigefarbenen Trenchcoat, Hut und mit Aktentasche, dass die Bürgermeisterin gerade dabei ist, die geheimen Dokumente hektisch in den Schredder zu drücken. „Was machen sie denn da?“

Getarnt als polnische Putzfrau schleicht die 19-Jährige Gun Overesch durch die Führungsetage der Mafia, lauscht, fotografiert, sammelt. Nun bricht die Verzweiflung heraus: „Sie können doch nicht die Beweise vernichten, nein!“ Wimmern, Heulen: „Nein, nein, das ist Korruption!“

Um Kriminalität geht es den Jugendlichen des Theaterensembles der hannoverschen Jugendkirche. Terroristen, Waffenschieber, Erpresser, wie fühlt sich das an? Erst entstanden Einzelszenen, die Gruppe analysierte die Vita von Al Capone, bis mit der Kurzgeschichte „Die blaurote Luftmatratze“ von Jacob Arjouni ein roter Faden entstand, nach dem frei assoziiert wurde.

Herta Ruttke, die Chefin der deutsch-russischen Mafia, wird gespielt von der herzensguten Schülerin Marie-France Eisner: „Dann bin ich halt so ein richtiges Schwein“. Harry, alias Torben Fröhlich, erläutert, „es ist nicht einfach jemandem tatsächlich an die Gurgel zu greifen - aber eigentlich sind in diesem Stück ja fast alle Böse.“

Überzeugend spielt er den Gangster, bei dem alles schief läuft; es kriselt in der Beziehung, er macht Fehler im Job, wird gemobbt. Dann plant er den großen Coup, endlich Anerkennung! Seine Chefin bekommt Wind und vereitelt den Plan. Harry stirbt.

Die Schauspielenden wachsen über sich hinaus, auch stellt Noura Ladhar die Mutter, deren Sohn erschossen wird, zu Beginn so überzeugend dar, dass einige im Publikum vergessen, ihren Mund zu schließen. Die gesamte Kirche ist Aktionsfläche. Alle Schauspielenden sind anwesend, nur durch gezielte Lichtwechsel wird der Fokus gelenkt, eine Herausforderung für den ehrenamtlich mitwirkenden Veranstaltungstechnik-Auszubildenden Niklas Hofmann.

Im zurückliegenden Jahr voller Selbsterfahrung und harter Probenarbeit ist auch Spielleiterin Steffi Krapf an ihre Grenzen gekommen. „Es ist anstrengend, und ich bin akribisch, bis alles überzeugend sitzt. Ich will die Jugendlichen ja nicht ausstellen, und dann kommen sie an den Punkt: Keine Lust mehr, will nicht mehr.“ Die Gruppe ging in sich: aufhören oder weitermachen? „Die anschließende Probe war dann so intensiv, dass mir fast die Tränen gekommen wären“, erzählt Krapf bewegt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. „Sehr gut!“, stellt David Raupach von der „Freien Waldorfschule Bothfeld“ beeindruckt in der ausverkauften Lutherkirche fest. Eva von Wechner, Elftklässlerin, fand die Schlussszene am besten. „Es war so witzig, wie der Raum für die Party umgestaltet wurde, so vielschichtig.“ Auch Schüler der BBS 3 waren begeistert: „Mit der Musik“. Henrike Wilhelm ergänzt: „Viel passiert, manchmal wusste ich gar nicht, wo zuerst hinschauen. Eine runde Geschichte, kurzweilig, gelungen.“

Text und Foto: Meike Kloiber

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