„Ich bin politox.“
Manuela war sieben Jahre clean, aber leider nicht gegen den Rückfall gefeit.

Politoxikoman, das heißt mehrfach abhängig. „Ich bin politox“, sagt Manuela*. Erst kiffte die Hannoveranerin und trank Alkohol, sporadisch. Dann nahm sie Kokain und Heroin. „Es war ein Gefühl von Stärke. Früher war ich wie ein kleiner Spielball für alle und auf einmal war mir das egal. Plötzlich hatte ich die Aufmerksamkeit für mich. Das war das tollste Gefühl.“ Kurz danach kamen Tabletten, LSD und Partydrogen dazu.

Anfangs sei das Leben noch gut gewesen. Sie habe noch keine Konsequenzen erleiden müssen, berichtet die heute 38-Jährige mit festem Blick. Doch dann ging es rapide schnell bergab. Die Restaurantfachfrau konnte nicht mehr arbeiten. Nur noch Drogen beschaffen: Eine Tagesaufgabe. „Du gehst erst mal zur Szenen, damit du es überhaupt unter die Dusche schaffst. Ohne Drogen schmerzen selbst Wassertropfen auf der Haut. Ich musste mich übergeben, konnte kaum laufen, Durchfall, Schüttelfrost, Fieber.“ Das käme alles auf einmal. Meistens hätte sie abends schon alles „weggeballert“ und musste morgens sofort los. Geld? „Ich bin Klauen gegangen, habe Leute betrogen, Urkunden gefälscht wegen Tabletten, habe meine Familie angelogen.“ Nervös knetet Manuela die Tasche ihres Handys. „Das lässt dich zu einem anderen Menschen werden - menschlicher Abschaum, wie die Gesellschaft sagt. Ich war bereit, über Leichen zu gehen, notfalls auch über meine eigene.“ Die erste Haftstrafe folgte, naheliegend, aber doch ein Schock für die damals gerade einmal 20-Jährige. „Ich bin zwar in Therapie gegangen, habe das alles damals aber noch gar nicht verstanden. Das war fast wie Landschulheim für mich.“

„Das Leben mit Drogen wollte ich nie.“ Manuela blickt zu Boden. Sie sehnt sich nach einer ganz normalen Familie, Arbeit, einer eigenen Wohnung oder einem Häuschen. Zwei ältere Geschwister, die mit Drogen nichts zu tun haben, hätten ihr das, wie sie grinsend sagt, „spießige Idyll“ vorgelebt. „Das wollte ich auch, wusste aber nicht wie ich da hin komme.“
Drogen, Haft, Therapie, Drogen, Haft, Therapie... . „Ich konnte damals keine Entscheidungen von Kopf und Bauch zusammen kriegen. Ich wusste nicht, warum ich überhaupt Drogen nehme. Somit konnte ich auch nicht dagegen steuern, nichts war mir klar. Ich war überfordert von allem, was die Jahre auf mich einströmte.“

Als ihr Freund gerade nach zweijähriger Beziehung an Drogen gestorben war, traf sie eine ehemalige Therapeutin auf der Straße. „Sie fragte mich: 'Manuela, was möchtest du denn eigentlich?' Ich antwortete: 'Eigentlich möchte ich nur drauf bleiben!' Das werden ich nie vergessen. Mit dieser Aussage war ich zum ersten Mal ehrlich zu mir.“ Anderen habe sie immer versprochen, sie werde jetzt clean. Sie sei damit nur dem Druck ihrer Eltern, Geschwister und Freunde ausgewichen, war aber selbst nicht überzeugt. „Dann ist es eben im Moment erst einmal so“, habe die Therapeutin geantwortet. „In dem Augenblick habe ich gemerkt, dass ich eine Entscheidung treffen kann. Dass nur ich bestimme über mein Leben, nicht andere. Das war der erste Schritt.“ Sie entschied sich, in eine therapeutische Wohngemeinschaft zu ziehen...

„Ich habe mich dort so wohl gefühlt, ein halbes Jahr bin ich geblieben“, erzählt Manuela. Sie lernte, über sich und ihre Sucht zu sprechen und ehrlich zu sein. „Es kostet viel Kraft. Man muss die Pobacken zusammen kneifen und eine Menge aushalten.“ Gruppengespräche, Einzeltherapie. In der Therapie habe sie sich angenommen gefühlt: „Ich konnte reden und kam mir nicht mehr aussätzig vor. Ich musste aber damit klarkommen, viele liebe Menschen beschissen und verletzt zu haben.“ Sie habe begriffen, dass sie alleine leben kann und ihr das Leben so Spaß macht: clean. „Egal, ob Essen oder Ausgehen – alles meine Entscheidungen“.

Manuela arbeitete über fünf Jahre in sozialtherapeutischen Einrichtungen der STEP gGmbH, einem Sucht- und Jugendhilfeträger. „Ich habe die Seiten gewechselt und war nun Mitarbeiterin. Das war toll, und das hat mir auch echt geholfen, abstinent zu bleiben.“ Danach bekam sie eine Festanstellung in einer Bäckerei. Endlich lebte sie ihre Vorstellungen: eine schöne Wohnung, ein Ehemann, sieben Jahre glücklich.

Doch die Sucht kehrte zurück. Alkohol und Aggressionen schlichen sich in die Beziehung. „Ich habe gespürt, irgendetwas läuft verkehrt, aber ich habe es nicht erst genommen.“ Der Rückfall. Ein Körper vergisst nicht: „Kokain und Heroin - ich wusste, wie es geht.“ Sorgenfalten auf ihrer Stirn. „Ich ärgere mich noch heute, dass ich mir nicht gleich Hilfe geholt habe.“ Innerhalb von drei Monaten konnte sie nicht mehr arbeiten, das Konto war überzogen, viele Sachen verkauft. Sie wurde wieder kriminell. Zum zweiten Mal ganz unten. Gut zwanzig Kilogramm weniger wog sie. „In der Junk-Zeit habe ich kaum etwas gegessen, im Gesicht sah ich aus wie ein Totenkopf, die Arme waren zerstochen, graue Haut, eingefallen.“ Zweimal versuchte sie sich umzubringen. „Mit Drogen ist man nah am Tod gebaut.“ Sie konnte nicht damit umgehen, dass sie nach so langer Zeit rückfällig war. „Ich habe mich so sicher gefühlt, aber das darf man einfach nicht sein.“

Seit zwei Monaten ist sie nun in der STEP-Klinik am Kronsberg, der Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen in Hannover. Die Patienten in der Sucht-Rehabilitation haben den körperlichen Entzug bereits hinter sich. Jeden Tag aufs Neue genieße die Frühaufsteherin die Morgenluft, bevor es um acht Uhr Frühstück gibt. Ihren individuellen Angebotsplan habe sie zusammen mit ihrem Bezugstherapeuten erstellt. Nachmittags, um körperlich wieder fit zu werden: Zirkeltraining, Schwimmen, Walken. Vormittags treffe sich ihre Bezugsgruppe viermal die Woche für gut eine Stunde. „Da bin ich mit zwölf Leuten über den ganzen Therapiezeitraum zusammen.“ Die Themen: Rückfallprophylaxe, Wochenendreflexionen. Wie war es zu Hause, in der Familie? Gab es Schwierigkeiten? Bist du zufrieden? Einzeltherapien, Arbeiten am Selbstwert, Computertraining, Training des Kurzzeitgedächtnisses, Langeweile entstünde nicht.

Noch ein Monat, dann wird Manuela in die Adaptionsphase wechseln, die Übergangsphase in ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben. Im STEP-Stadthaus möchte sie sich noch etwas Ruhe gönnen, danach wieder Arbeit suchen. „Heute bin ich schlauer: Für mich ist es wichtig, auch über Jahre noch eine Anbindung zu haben, also zur Selbsthilfegruppe zu gehen. Ich finde das gut. Und ich bin froh, dass ich hier her gekommen bin.“ Es sei ihr nicht leicht gefallen, in die Therapie zurück zu kehren. „Angst, schaffe ich das noch mal? Es tat mir weh, aber ich bin so herzlich empfangen worden – es war ein bisschen wie nach Hause kommen.“

Manuela hat sich geschworen: Niemals aufzugeben, so schwer es auch fällt. „Das ist besser als in irgendeiner Gosse zu liegen.“ Ein paar Tränen fließen. Sie sagt: „Es besteht immer die Möglichkeit zu leben.“
von Meike Kloiber

* Name von der Redaktion geändert.

Am 21. Juli ist der „Nationale Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige“, der seit 1998 bundesweit begangen wird. Damals fanden an der „Gedenkstätte für verstorbene Drogenabhängige“ in Gladbeck zum ersten Mal offizielle Feierlichkeiten statt. Dieser Tag wurde initiiert von trauernden Eltern, deren Kinder am Rauschgiftkonsum gestorben sind, und Eltern, die um das Leben ihrer Kinder fürchteten.

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