Baukasten am Ende?.      
Er galt stets als Vorzeigewohnprojekt von Hannover: der Baukasten neben dem Nordstadtkrankenhaus. Nun aber ist seine Existenz gefährdet. Die 48 Bewohner haben von der Klinikumsleitung die Kündigung erhalten. Seit dem 1. Juni befindet sich das Projekt im rechtsfreien Raum. Asphalt hat sich bei der beliebten Wohnalternative umgeschaut...  

 

 

 

 

Kinderparadis statt Waschbeton: Die Baukästler haben das ehemalige Schwesternwohnheim zur Idylle gestaltet.


Zwei Gebäude aus den sechziger Jahren, die ehemaligen Schwesternwohnheime, stehen eingerahmt vom Nordstadtkrankenhaus im Herrenhäuser Kirchweg. Das Andere, heute „Gästehaus Hannover“, eher sachlich und neutral gestaltet. Das Eine: der Baukasten. Blaue, gelbe, grüne Fensterrahmen beleben die Fassade. Daneben eine Reihe von Balkonen, der unterste in tiefroter Farbe. Auf ihm prangt aufgemalt wie eine Medaille die Hausnummer 12. Neben dem Balkon haben die Bewohner ein großes Tischtuch mit einer Blumenbordüre und der Aufschrift „Der Baukasten bleibt, denn hier lebt Gesellschaft“ aufgehängt. Neben der Eingangstür signalisiert ein unübersichtliches Klingelschild viel Bewegung im Haus. Namen sind überklebt, durchgestrichen oder wurden hinzugefügt. Irgendwo auch die Klingel der Familie Lepping. Es dauert eine Weile bis die Mutter von zwei Kindern öffnet, einen Summer gibt es nicht.

Maren Lepping lebt mit ihrer Familie im ersten Stock. Vor neun Jahren, kurz nach der Geburt ihres älteren Sohnes, ist sie mit dem Kind und ihrem Mann in den Baukasten gezogen. Sie bekamen noch eine Tochter, sie wurde im Krankenhaus geboren, aber „Knut, drei Jahre alt, der Sohn der befreundeten Familie im Gang gegenüber“, erinnert sich Lepping, „der wurde in diesem Zimmer hier geboren“. Und auch Janis sei hier zur Welt gekommen. Der heute 18-Jährige plant gerade, zusammen mit Gleichaltrigen eine neue WG im Haus zu gründen. Sein Vater Thomas Belling, 45 Jahre jung, ist der Projektälteste. Er gehörte schon zu der Gruppe von Architekturstudierenden um den Uni-Dozenten Sid Auffahrt, die aus dem bis dato leer stehenden Klotz mit seinen kleinen dunklen Zimmern und winzigen Kochnischen kostengünstig eine Wohnalternative schaffen wollten. 1985 gründeten sie den Verein Baukasten und schon damals versuchten sie, das Haus zu kaufen. Der Wohnheimcharakter wurde aufgelöst, um rund um große Wohnküchen Raum für Gemeinschaftsleben zu schaffen. Liebevolle kreative Details verleihen dem Gebäude heute einen besonderen Charme: kleine Buddhafiguren in Mauervorsprüngen oder die Picknick-Terrasse auf dem Grasdach. „Die Erneuerung des Daches vor einigen Jahren hat 60.000 Euro gekostet, die natürlich der Verein übernommen hat – das Krankenhaus will ja nicht noch Unkosten mit uns haben“, ergänzt Lepping.

Drei Generationen leben heute im Baukasten, eine Vierte könnte hinzukommen. Es gibt Pläne, Zimmer im Erdgeschoss alten- und behindertengerecht einzurichten, da einzelne Bewohner ihre Eltern gerne bei sich hätten, um so deren Pflege zu gewährleisten. „Probleme mit dem Zuwachs hat das Projekt wirklich nicht“, schildert Maren Lepping. Oft hingen Zettel am schwarzen Brett im Treppenhaus. Tenor: „Meldet euch bitte, wenn ein Zimmer frei wird“.


Das besondere seien die verbindlichen sozialen Strukturen, betont Lepping. „Das Lebensgefühl, das Gefühl gut aufgehoben zu sein, Vertrauen, Hilfsbereitschaft – der Baukasten funktioniert richtig gut.“ Zum Beispiel die Postlieferung: Der Adressat war gerade nicht zu Hause und es sei kein Problem gewesen, dass jemand die 140 Euro Nachnahme auslegt, um das Paket entgegenzunehmen.
Für Kinder sei das Wohnprojekt sowieso ein Paradies, ist sich die Mutter sicher. „Kinder lernen hier, das Leben mit eigenen Händen zu meistern. Bei so vielen Bewohnern mit unterschiedlichen Fertigkeiten, mit Holz- und Metallwerkstatt, könnten sich die Kleinen vieles abgucken. Sie lernen, selber ihre Fahrräder zu reparieren, oder vom Gärtner, was wichtig ist, wenn ein Blumenbeet gedeihen soll. Nebeneffekt für die Eltern: mehr Freiheit. „Es ist kein Problem“, so die 42-Jährige, „wenn die Kinder zusammen unten im Toberaum spielen, kurz einem Mitbewohner Bescheid zu sagen und spontan noch ein paar Stunden arbeiten zu gehen." Maren Lepping ist freie Kostümbildnerin, und während der Probenzeit im Theater kneift es öfter mal. Heute genießt sie die Vorteile des Projekts. Aber das war nicht immer so: „Als ich mir den Baukasten das erste Mal anschaute, konnte ich es mir schwer vorstellen hier einzuziehen. Damals war ich noch voll auf dem Karrieretrip und diese kleinen Räume mit den niedrigen Decken waren so gar kein repräsentativer Rahmen.“ Mit Baby war es dann anders, „da dachte ich: Ja, hier soll mein Kind aufwachsen“.


Eine Schar Kinder tobt durch den Innenhof, in dessen Mitte eine alte Kastanie steht. Maren Lepping hat dieses kleine Idyll mitgestaltet. „Ein Mitbewohner brachte aus seiner Gartenbaufirma den Bagger mit. Der Hof war vorher eine mit Waschbeton gepflasterte Einöde. Wir schütteten eine Stufe an und pflanzten anschließend Blumen und Kräuter vor dem Café.“ Das Café ist einer der Gemeinschaftsräume, in dem ausgelassen gefeiert wird; in dem sich aber auch mehrere Gruppen aus dem Viertel treffen. Aus diesem Grund zog auch der Systemadministrator der Uni Hannover, Daniel Ho, vor drei Jahren ein. „Hier wird politische Kultur ermöglicht.“ Da wird dann schon mal ein Arbeitsrechtsseminar der freien Gewerkschaft FAU oder eine Solidaritätsveranstaltung mit Flüchtlingen angeboten. Alles in dem kleinen Innenhofcafé. Für den Aktivisten Ho ist schon gemeinsames Wohnen gelebte Politik. „Wir haben beispielsweise einen gemeinsamen Lebensmitteleinkauf im Keller mit biologischen und fair gehandelten Waren.“ Nur in einem größeren gemeinsamen Wohnprojekt erscheint so etwas möglich.

Parkhaus statt Wohnhaus

„Wir wollen in die Planungen des Krankenhauses mit einbezogen werden“, sagt Pia Gombert, Sprecherin des Vereins Baukasten. Ein von der Geschäftsleitung des Klinikums vorgelegter Zweijahresvertrag, der die Mieter verpflichtet, das Objekt zum 31.5.2009 zu räumen, gilt den Baukästlern als unannehmbar. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Miete um das Siebenfache angehoben werden soll. Der Verein ringt um eine langfristige Zukunftsperspektive. Bernhard Koch, Pressesprecher des Klinikums, verweist lakonisch auf eben diesen Vertrag: „Die müssen da nicht sofort raus, über weitere Bedingungen wird gesprochen.“ Ein Kaufangebot für das Haus wurde vom Klinikum indes abgelehnt. Die Klinikleitung will für eventuelle Erweiterungsbauten den Zugriff auf das Grundstück behalten. Zum Beispiel für ein Parkhaus. Unterstützung erhalten die Bewohner jetzt von der Politik. Bezirksbürgermeisterin Edeltraut-Inge Geschke (SPD): „Wir werden das Klinikum einladen, auf der nächsten Bezirksratssitzung ihre Pläne vorzustellen, die Bewohner haben ja wirklich viel gemacht und investiert.“ Auch Silke Gardlo von der Region und Alptekin Kirci im Rat der Stadt sind involviert. Kirci: „Ich wünsche mir, dass wir eine langfristige Lösung finden. Uns ist es wichtig, dass der Baukasten dort bleibt, als Bestandteil in der Nordstadt.“ Maren Lepping und ihre Mitbewohner demonstrieren trotz allem Gelassenheit und hoffen auf weitere Verhandlungen: „Die können in der ganzen Diskussion um die Zunahme von Gewalt und Vereinzelung so ein Paradeprojekt, wie wir es sind, nicht einfach platt machen, nur weil es nicht in das Konzept passt.“

Text und Foto: Meike Kloiber

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