Die Hauptstadt Serbiens, Belgrad liegt dort, wo die Save in die Donau fließt. Kaffees und Fischrestaurantes auf Hausbooten säumen die Ufer. Wer die Aussicht auf diese Flußlandschaft genießen möchte, sollte zur Burg im Zentrum der Stadt hinaufgehen. In der alten Festung gibt es allerdings auch ein Kriegsmuseum und es heißt tatsächlich so. Belgrad ist eine Stadt voller Gegensätze. Es gibt Häuser oder auch Straßen, die an deutsche Großstädte erinnern, aber auch heruntergekommene Wellblechhütten. Dort ist die Armut offensichtlich. Die Stadt ist nicht so stark in arme und reiche Stadtteile gegliedert, die wirtschaftlichen Extreme werden schon innerhalb einer Straße deutlich.

Wie ist das Leben in Belgrad, wie war es in den letzten 10 Jahren?

Nicola Micic ist in Belgrad geboren und hat immer dort gelebt. Der 32 Jährige liebt die Stadt, sie ist sein zu Hause. Auch unter Tito lebte er in Jugoslawien, doch damals war die Ethnie oder Nationalität noch nicht so entscheidend.

Es war wie, wir sind alle Brüder, wir sind alle zusammen. Die Nationalität spielt keine Rolle, alles ist in Ordnung. Wir sind alle Jugoslawen, wir sind keine Kroaten und keine Serben, wir sind Jugoslawen.

Bis zum Ende des kalten Krieges hatte Jugoslawien eine Schlüsselposition, danach hätte Jugoslawien sich neu definieren müssen.

Die Welt brauchte Jugoslawien nicht mehr. Tito machte eine perfekte Sache. O.K. wir machen eine Brücke, die Brücke soll Jugoslawien sein. Alle aus dem Westen und alle aus dem Osten können, wenn es erforderlich ist, nach Jugoslawien kommen. Da im kalten Krieg kaum jemand einfach so in den anderen Block reise konnte, um Kontakte zu knüpfen. Jugoslawien war ein kleines Land aber ein Knotenpunkt und das ist der Grund, warum es in dieser Region immer krachte. Es ist ein Knotenpunkt.

Während des Chemiestudiums verdiente sich Nicola Micic mit verschiedensten Jobs seinen Lebensunterhalt. Vom Automechanik bis zu Malerarbeiten war alles dabei. Dann ergab sich die Gelegenheit in das Computergeschäft eines Freundes einzusteigen und er schmiss sein Studium. Praktisch zu arbeiten war eher seine Sache.
Politik interessiert ihn nicht, hat ihn auch noch nie interessiert. Doch dann änderte sich das politische Klima.

Das erste was auffiel, als Milosovice kam, war hier der wachsende Nationalismus. Eine menge Leute folgten ihm und ich erinnere mich an ein großes Treffen und die Leute schrien dort: Gebt uns die Waffen oder so etwas. Es war hier am Tag der Republik. Und wirklich, ich ging da raus: OK nun wird etwas falsches geschehen.

Politisches Engagement lehnt Nicola Micic auch heute noch ab.

Das ist so etwas wie meine Sicht des Lebens, wenn ich beginne mich gegen oder auch für etwas zu angagieren, wie auch immer, dann investiere ich meine Energie da rein. Und es wird wachsen, ebenso, wenn ich eigentlich dagegen bin.

Seine Philosophie ist es, die Augen offen zu halten und praktische Hilfe möglichst jeden Tag im kleinen anzubieten.
Trotzdem wurde auch er gezwungen sich zu positionieren.

Als der Krieg begann, kam die Mobilisierung und ich war wirklich, wirklich erschrocken, in etwas einbezogen zu werden, für das ich nicht war. Als die mich einberufen haben in die Armee, bin ich dort hingegangen und ich habe ihnen erzählt: Ich kann den Dienst nicht leisten, da es mit meiner Religion nicht vereinbar ist, die besagt: Töte nicht. Und daher kann ich es nicht tun. Wenn sie Arbeit für mich haben wie zum Beispiel putzen, OK. Aber ich gehe nicht los und töte jemanden oder benutzte Waffen. Und ich sage ihnen, um niemanden zu töten gehe ich auch ins Gefängnis. Aber nichts passierte, sie ließen mich gehen.

Nicola Micic konnte nicht erklären warum. Er kannte eine Menge Leute, die richtig Probleme bekommen haben. Innerlich hatte auch er sich schon auf eine Haftstrafe eingestellt. Über diese Zeit erzählt er weiter

Nichts war in Ordnung, natürlich haben wir hier die Bilder von Bomben und dem Krieg in der Nachbarschaft gesehen. Mir war manchmal nur noch nach weinen zu mute, über das was die Menschen sich gegenseitig antun. Das war hart, aber noch einmal, was kann ich ändern? Ich kann nur mich selber ändern, hier etwas beitragen für einen anderen Weg, einen friedlichen Weg.

Belgrad wurde von der NATO bombardiert. Während der Bombadierung wartete Nicola Micic mit seiner Familie in einem Appartment ab, was weiter geschehen würde. Sie hatten das nötigste gepackt, um schnell flüchten zu können. Trotzdem

Diese Bombardierung von Belgrad ist nichts gegen die Bombardierung von Sarajevo über Monate.
Die Kroaten in Istrien haben nicht so direkt diesen Krieg gespürt, aber die Konsequenzen. Viele Flüchtlinge gingen dort hin. Sie sahen die Kinder ohne Beine, die Zombis, die völlig unter Schock herumirrten. Und in Belgrad war das Übel, das Milosovice keine Flüchtlinge hereingelassen hat. Wie ich gehört habe, waren in ganz Zagreb alle Hotels wie Interkontinental und so weiter, besetzt und voll mit Flüchtlingen. Milosovice wollte keine Flüchtlinge hier haben, er gab ihnen sogar kostenlos Benzin, nur damit sie Belgrad verlassen können. Weil dieses ein politisch Riskanter Ort ist, Belgrad das hieß immer Opposition.

Seither hat sich vieles geändert, aber den Leuten in Belgrad geht es nicht unbedingt besser. Wirtschaftlich ist in dem Land kaum eine Kaufkraft vorhanden, den Menschen mangelt es schlicht an Einkommen.

Egal wie, du brauchst etwas Geld. Wenn du es nicht verdienen kannst, sind einige Leute wieder sehr arm, haben nichts zu essen. Und es ist unglaublich, aber sie haben noch weniger als unter Milosovice, da die Preise gestiegen sind, aber das Einkommen nicht entsprechend.

Die Frustration steht vielen Belgradern ins Gesicht geschrieben. Besonders krass ist die Armut der Romafamielien. Auf dem sogenannten Romamarkt werden ausgelatschte, kaputte Schuhe und alte Kabel angeboten. Sachen die wir als Müll bezeichnen würden.
Nicola Micic hat mit der humanitären Hilfsorganisation Help eine Lebensmittelverteilung für Land Serbien organisiert. Den Job hatte ihm sein Onkel vermittelt. Nicola Micic ist halt ein Mensch, der praktisch anpacken möchte.